Bonusszene The Irish – Eoin
Hailey
Ein paar Jahre später
Ich trete an den Küchentisch im Haus von Eoins Eltern. Die Jungs sind draußen und helfen ihrem Vater, irgendwas im Garten zu erledigen. Ich habe nicht richtig zugehört, weil die Arbeitsteilung in dieser Familie ziemlich eindeutig ist. Alles, was mit Arbeit zu tun hat, übernehmen die männlichen Mitglieder, während die weiblichen Margaritas schlürfen.
»Kann ich dir irgendwie helfen?«, frage ich Helen, Eoins Mutter.
Sie schüttelt den Kopf. »Nein, nein. Jenna und Bryce kommen bestimmt auch gleich.«
Ich schlage die Zeitung auf, die dort liegt, überfliege die Schlagzeilen. Früher habe ich das geradezu obsessiv gemacht, weil ich Informationen über meine Familie gesucht habe. Nach diesem schicksalshaften Tag … nun ja, sagen wir, ich konnte das Versprechen, das ich Jax gegeben habe, nur seinetwegen einlösen.
Zu leben.
Das habe ich wirklich getan. Eoin und seine verrückte Familie haben mir dabei geholfen, die Schatten der Vergangenheit hinter mir zu lassen. Dank Leah habe ich auch professionelle Hilfe gefunden, was mir sehr gutgetan hat.
Mittlerweile drehe ich mich nicht mehr ständig um. Habe keine Angst mehr vor meinem eigenen Schatten.
Leiche in der Wüste gefunden.
Ich starre die Schlagzeile an, bevor ich den kurzen Artikel durchlese. Ein paar Stunden außerhalb San Franciscos wurde eine Leiche gefunden. Irgendwas mit heftigen Regenfällen und dann irgendwelchen Aasgeiern, die über den Überresten kreisten. Eine Identifizierung gibt es noch nicht.
Ich schlucke.
Kann das Dean sein?
Und dann schießt mir nur ein Gedanke durch den Kopf. Ich muss Jax anrufen. Sofort.
Obwohl er mir das Wegwerf-Telefon gegeben hat, habe ich nie angerufen. Ich sollte mich nur melden, wenn es Probleme gibt, und es gab keine.
Keine Ahnung, wie oft ich mir Gedanken gemacht habe, ob ich seine Regel brechen soll. Ob ich nicht doch einfach so anrufen soll, um den Bruder kennenzulernen, der mir mein Leben lang verwehrt war.
Aber ich habe es nicht getan. Weil ich wusste, dass er auflegen würde, um mich nicht in Gefahr zu bringen.
Jetzt allerdings … jetzt habe ich einen Grund.
Und das sorgt dafür, dass mein Herz aufgeregt klopft.
»Äh, ich hab noch was vergessen«, lüge ich. »Fangt schon mal ohne mich mit den Margaritas an. Ich bin gleich wieder zurück.«
Bevor Helen noch irgendwelche Fragen stellen kann, schlüpfe ich aus der Tür, eile zu meinem Auto und fahre zu der Wohnung, die ich mir mit Eoin teile. Als ich einen Parkplatz gefunden habe, eile ich die Treppen nach oben, schließe mit zitternden Fingern die Tür auf und eile dann in unser Schlafzimmer.
Vor dem Einbauschrank gehe ich auf die Knie, ziehe aus der hintersten Ecke einen Schuhkarton heraus, öffne ihn. Mehrere Geldbündel liegen dort, ebenso wie ein silbernes Handy mit einem winzigen Display.
Das Geld hat mir Jax gegeben, aber ich habe es nie angerührt. Er hat mir zwar versichert, dass es sich nicht um Blutgeld handelt, aber ich wollte einfach gar nichts von meinem Vater haben. Nicht nach allem, was passiert ist.
Mit zitternden Fingern klappe ich das Handy auf, nur um zu merken, dass der Akku leer ist.
Panik steigt in mir auf. Was, wenn mein Bruder mich erreichen wollte, aber der Akku leer war?
O Gott.
In den ersten Monaten habe ich es jeden Tag aufgeladen, aber weil nie auch nur ein Anruf kam, ist es immer mehr in Vergessenheit geraten.
Ich springe auf, suche nach dem passenden Ladekabel, stecke es ein. Dann laufe ich im Zimmer auf und ab, während die ersten paar Prozente laden, bis ich es dann anschalten kann.
Dann drücke ich aufs Telefonbuch. Eine Nummer.
Seine.
Mein Herz klopft aufgeregt, als ich mich frage, ob ich ihn wirklich anrufen soll? Was, wenn er wütend wird? Was, wenn er einfach wieder auflegt? Ich bin mir nicht sicher, ob ich das ertragen könnte.
Aber er hat gesagt, dass ich bei Problemen anrufen soll. Und wenn die Leiche wirklich Dean ist …
Beinahe von allein tippt mein Finger auf die Nummer, und dann tutet es.
Wie schnell muss ein Herz schlagen, damit es einem aus der Brust hüpft?
O Gott. Was, wenn ich einen Fehler begehe?
Was, wenn er nicht …?
»Juliana.«
Da ist er. Mein Bruder.
»Ich mein Hailey.«
»Hi«, quietsche ich. Okay, ich sollte mal tief durchatmen. Das geht ja mal gar nicht. »Ich … es ist … sorry.«
Er seufzt. »Es ist auch schön, dich zu hören.«
Und das macht mich so absurd glücklich, dass ich nicht weiß, wohin mit meinen Gefühlen. Eigentlich kenne ich ihn gar nicht. Er hat immer Distanz zwischen uns aufgebaut, um mich zu schützen. Aber das ist jetzt genau der Grund, wieso ich nicht weiß, was ich ihm überhaupt sagen soll.
»Du hast gesagt, ich soll anrufen, wenn es Probleme gibt«, platze ich heraus.
»Was ist passiert?«
»Eine Leiche wurde gefunden. Sie ist noch nicht identifiziert, aber der Ort …«
Einen Augenblick ist er still, dann sagt er: »Haben die Bullen sich gemeldet?«
Ich schüttele den Kopf, auch wenn er das nicht sehen kann. »Es steht heute in der Zeitung.«
»Selbst wenn sie herausfinden, dass es sich um Dean handelt, niemand kann ihn mit dir in Verbindung bringen.«
»Und wenn doch?«
»Wer weiß davon?«
»Mein Freund und ein paar seiner Familienangehörigen.«
Er seufzt. »Und die Namensänderung ist offiziell, richtig?«
»Ja.«
»Dann musst du dir keine Gedanken machen.«
»Und wenn doch?«
»Dann schiebst du alles auf mich.«
Irgendwie fühlt sich das nicht richtig an. Er hat so viel für mich riskiert, da kann ich ihm doch nicht die Schuld in die Schuhe schieben. Auch wenn er es technisch gesehen war, der Dean erschossen hat …
»Aber ich will nicht, dass du geschnappt wirst.«
»Werde ich nicht.«
»Wo bist du?«, frage ich neugierig.
»Das kann ich nicht einmal dir sagen.«
»Aber du bist sicher?«
»Bin ich.«
Ich seufze erleichtert. »Gut.«
Ich hebe den Blick, als ich ein Geräusch höre, und dann steht Eoin plötzlich im Schlafzimmer. Er sieht mich fragend und ziemlich besorgt an – er ist eben ein Beschützer.
Ich schenke ihm ein kleines Lächeln, strecke meine Hand nach ihm aus. Er ergreift sie, setzt sich neben mich. Er schaut auf das Handy an meinem Ohr.
Ich habe ihm alles erzählt. Von meiner Familie und meiner Vergangenheit, von der Entführung und meinen Brüdern. Deswegen weiß er ganz genau, was für ein Handy ich da festhalte.
»Du musst dir ganz sicher keine Sorgen machen«, stellt Jax fest.
»Okay.« Ich kaue auf meiner Unterlippe, dann nehme ich meinen Mut zusammen. »Hast du dein Versprechen gehalten?«
Obwohl ich ihn nicht wirklich kenne, kann ich das Schmunzeln in seiner Stimme hören. »Ich arbeite dran. Und du?«
Ich schaue zu Eoin, und ein Schwall an Liebe rauscht durch mich. »Ich bin glücklich«, sage ich dann leise.
Auf Eoins Gesicht erscheint ein Lächeln.
»Das freut mich, Hailey. Ruf mich wieder an, wenn es Probleme gibt.«
Bevor ich noch was sagen kann, hat er schon aufgelegt. Ein wenig fassungslos starre ich das Handy an.
»Alles okay?«, fragt Eoin.
Ein wenig hilflos zucke ich mit den Schultern, spüre, wie mir Tränen in die Augen treten.
Er zieht mich an sich, schlingt seine Arme um mich.
Vielleicht ist es mir nicht gegönnt, Zeit mit meinem Bruder zu verbringen, aber es gibt eine Person, die immer für mich da ist. Und meine Wange ist gerade gegen seine Brust gepresst.
»Was ist passiert?«, fragt Eoin mit seiner tiefen, warmen Stimme.
»In der Zeitung stand, dass sie eine Leiche in der Wüste gefunden haben.«
»Und du denkst, dass es dein Bruder sein könnte?«
Ich nicke.
»Was sagt Jax?«
»Dass ich mir keine Sorgen machen soll und notfalls alles auf ihn schiebe.« Dann hebe ich den Kopf. »Wieso bist du eigentlich hier?«
Er wischt mit den Daumen unter meinen Augen entlang. »Mom fand, dass du einen merkwürdigen Eindruck gemacht hast.«
»Und woher wusstest du, dass ich hier sein würde?«
Er grinst mich an. »Du hast Mom gesagt, dass du was vergessen hast. Das konnte ja nur zu Hause sein.«
»Hm.«
»Denkst du, dass ich dich stalke?«, zieht er mich auf.
»Würde ich dir nicht verdenken.«
Er lacht auf, schlingt seinen Arm um mich. Ich kuschele mich an ihn. »Wie war es für dich, ihn nach so langer Zeit wieder zu hören?«
Ich seufze. »Komisch. Irgendwie hab ich mich gefreut, dass es ein Problem gab.« Ich schaue ihn an. »Ist das bekloppt?«
»Gar nicht. Natürlich würdest du gern ein Verhältnis zu deinem Bruder haben.«
»Ja«, sage ich und kann selbst die Sehnsucht in meiner Stimme hören. »Vielleicht irgendwann mal.«
»Das hoffe ich sehr für dich.« Er drückt einen Kuss auf meinen Scheitel.
»Danke, dass du gekommen bist.«
»Ich werde immer kommen.«
»Bist wirklich ’n Stalker.«
Er lacht auf. »Fein. Erwischt.«
»Mein liebster Stalker.«
»Das hört sich so an, als hättest du mehrere.«
»Vielleicht.«
Eine Weile bleiben wir so sitzen, bevor ich den Kopf hebe, meine Hände an seine Wangen lege und ihn küsse.
»Ich wüsste nicht, wie ich alles ohne dich überstanden hätte.«
Er lächelt. »Hättest du auch geschafft. Ich war nur Backup.«
»Manchmal braucht man Backup.«
»Da kann ich nur zustimmen.«
Ich stehe auf. »Fahren wir wieder zurück.«
»Bereit für Margaritas?«
»Wenn sie nicht schon alle leer getrunken haben«, scherze ich.
»Bei den Ladys weiß man nie.«
Als er aufgestanden ist, schlinge ich meine Arme um ihn, presse mein Gesicht gegen seine Brust und atme ihn ein. Ich weiß nicht, was es ist, aber jedes Mal, wenn ich ihn rieche, werde ich ruhig, weil er nach Sicherheit riecht.
»Ich liebe dich«, sage ich leise.
Er umarmt mich fester. »Ich dich auch, a mhuirnín.«
Und ich liebe es, wenn er mich so nennt. Darling. Das bringt mich zum Strahlen.
Ich habe Jax nicht angelogen. Ich bin glücklich. Glücklich mit meinem Leben und glücklich mit ihm. Mit Eoin. Meinem Iren.
