Bonusszene Biscuits & Broken Hearts

Cash

Jahre später
Ich trete aus dem Haus, in beiden Händen eine große Schüssel. In der einen ist ein grüner Salat mit Pfirsichen, in der anderen ein italienischer Nudelsalat. Ich stelle sie auf der langen Tafel ab, die aus vielen, vielen Einzeltischen besteht.
Die Familie ist einfach immer größer geworden. Wenn wir alle zusammen feiern wollen, dann müssen wir mittlerweile anbauen.
Ich hätte nie gedacht, dass ich mal der Typ sein würde, der sich mit vielen Menschen wohlfühlen würde, aber als ich Savannah kennenlernte, war klar, dass sich mein Leben von Grund auf ändern würde. Immerhin kommt sie mit fünf Cousinen einher … Dann noch meine biologische Familie und die gefundene Familie, die sich angesammelt hat.
Für alle Mitchell-Montgomery-Beaumonts braucht es wohl bald ein ganzes Stadion.
»Der grüne Salat muss da vorne hin«, erklärt Savannah, bevor sie wieder im Haus verschwindet.
Auch in all den Jahren habe ich nicht verstanden, auf welche Weise sie die Speisen anordnet. Aber ich bin weise geworden. Ich würde mich nicht mehr wagen, das irgendwie infrage zu stellen. Da ist Mrs. Beaumont eigen.
Mrs. Beaumont.
Angesichts der Tatsache, dass ich meinen Nachnamen jahrelang nicht gerne verwendet habe, konnte ich es echt nicht abwarten, ihn ihr zu verpassen. Grinsend stelle ich die Schüssel woanders hin, bevor ich ihr ins Haus folge.
»So, jetzt noch das Brot … die Dips … Nicht zu vergessen den Mais …«, murmelt sie vor sich hin.
Ich trete hinter sie, schlinge meine Arme um sie, drücke einen Kuss auf ihren Hals.
»Dafür hab ich jetzt keine Zeit«, erklärt sie, windet sich.
»Du weißt gar nicht, was ich will«, behaupte ich.
»Ich weiß immer was du willst«, scherzt sie. »Du bist nicht so mysteriös.«
Ich ziehe sie an mich. »Dafür musst du bezahlen.«
»Cash!«
»Doppelt.«
Ich kann förmlich sehen, wie sie die Augen verdreht. »Clayton Beaumont …«
»Oh, sechsfach.«
Und dann lacht sie, dreht sich in meinen Armen, bevor sie ihre um meinen Nacken schlingt. »Sechsfach? Du bist echt zum Wucherer geworden.«
Ich zucke mit den Schultern. »Liegt an der Inflation.«
»Ja, klar. Es liegt daran, dass du unersättlich bist.«
»Das auch.«
»Fein. Sechsfach.«
Und dann sind ihre Lippen auf meinen. Grinsend genieße ich ihren zarten Mund, ihre hungrige Zunge, ihren kurvigen Körper, der sich an meinen drückt. Ich liebe es. Liebe sie.
Als sie sich ganz außer Atem, mit rotgeküssten Lippen und leicht glasigem Blick löst, sage ich: »Das war einfach.«
Sie kneift die Augen zusammen. »Was? Das war sechsfach.«
»Es war ein Kuss. Ein langer, grandioser, das geb ich zu. Aber nur einer.«
»Nein, das waren sechs, die ineinander übergegangen sind.«
»Nein, wenn man keine Pause macht, dann ist es nur einer.«
Empörung liegt auf ihrem Gesicht, bevor sie einen leicht verwegenen Ausdruck annimmt. Oh oh.
Sie drückt ihre Lippen kurz auf meine, dann nochmal und nochmal und nochmal. Ah, sie glaubt, sie könnte mich austricksen …
Aber beim letzten Mal bin ich bereit, lasse meine Finger in ihre Haare gleiten, halte ihren Kopf, stupse ihre Lippen mit der Zunge an. Erst will sie nicht drauf eingehen, aber sie kann mir auch nicht widerstehen. Niemals.
Grinsend sorge ich dafür, dass dieser Kuss ewig dauert. Und das ist noch nicht mal genug.
»Nicht fair«, murmelt sie, als ich mich löse.
»Wann hab ich jemals fair gespielt, Peach?«
Sie gibt mir einen Klaps. »Hab das Gefühl, du wirst immer abgebrühter, je älter du wirst.« Dann grinst sie, küsst mich noch mal – siebenfach! –, bevor sie ihre Arme löst. »Du kannst den Mais und das Brot rausbringen. Und dann schon mal den Grill anstellen.«
»Zu Befehl.« Aber bevor ich sie gehen lasse, stehle ich noch einen weiteren Kuss.
»Igitt«, erklärt Ellie Grace hinter mir.
Ich drehe mich um. »Hey, Spätzchen. Wann bist du denn reingekommen?«
»Viel zu früh, wie es mir scheint.« Sie grinst, bevor sie sich in meine Arme wirft. Manche Dinge ändern sich nie. Gott sei Dank.
»Hast du die Großeltern mitgebracht?«, frage ich. Sie hat die letzte Woche bei meinen Eltern verbracht. Nur noch ein Schuljahr. Dann ist sie mit der Highschool fertig, geht aufs College. Und sie ist gut. Georgia State wird wahrscheinlich nicht ausreichen.
Ich habe sie die eine Woche schon furchtbar vermisst, wie soll das erst werden, wenn sie ein ganzes Semester weg ist? Fuck. Nicht drüber nachdenken.
»Grandpa holt noch die Sachen aus dem Kofferraum, und Grandma bewundert den Vorgarten.« Sie grinst mich an. »Und ich bin einfach schnell.«
Ich nicke. »Das bist du wohl. Vor allem schnell im Wachsen.«
»Ich bin schon ausgewachsen«, erklärt sie grinsend.
»Gott sei Dank. Sonst würdest du mir noch über den Kopf wachsen.«
»Ellie Grace!«, höre ich da Savannahs Stimme, und dann bin ich nur noch zweite Wahl.
Das kleine Mädchen von früher mag nicht mehr viel mit der fast schon Erwachsenen zu tun haben, die jetzt hier steht, aber die Liebe, die sie für Savannah empfindet, ist noch dieselbe. Sie wirft sich ihr um den Hals, und ich muss ihr Gesicht nicht sehen, um zu wissen, dass sie sich zu Hause fühlt.
Ich weiß, dass sie mich auch liebt, aber es ist Savannah, die uns in den letzten neun Jahren durch jede Untiefe gestiert hat. Dass unser Leben, auch mit Melanie, so reibungslos funktioniert hat, ist nur ihr zu verdanken. Wenn man mal ehrlich ist? Was weiß ich denn schon von Kindern?
Nichts.
Savannah war unser Rettungsanker. Kein Wunder, dass Ellie Grace sich bei ihr so sicher fühlt. Und ich bin froh darüber. Schließlich will ich, dass es meinen liebsten Frauen gutgeht. Nichts weiter zählt.
»Daddy«, kräht eine Stimme, und wir drehen uns alle drei um.
Meine Mom kommt in die Küche, trägt unseren dreijährigen Sohn, der die Arme nach mir ausstreckt.
»Hey, Buddy«, sage ich, nehme ihn, drücke ihn an mich.
Der gruseligste Tag meines Lebens war, als mir dieses kleine Würmchen in den Arm gelegt wurde – noch viel kleiner und zarter als jetzt – und erwartet wurde, dass ich ihn bloß nicht zerbreche. Dabei hat sein kleiner Körper in zwei Hände hineingepasst … Wer immer sich diesen kosmischen Scherz ausgedacht hat, sollte ins tiefste Verlies geworfen werden.
Aus irgendeinem Grund hatte Savannah Vertrauen in mich – und hat ein paar Tränchen verdrückt, als ich mich mit unserem Sohn im Arm zu ihr umgedreht habe, Panik in den Augen –, nicht ganz zu Unrecht, wie man an der Tatsache erkennt, dass er noch alle Finger hat …
»Daddy, ich war in einem Flugzeug!« Er grinst mich an.
»Wow. Aber das war nicht das erste Mal«, erinnere ich ihn.
»Nicht so ein Flugzeug«, winkt er wie das typische Enkelkind von Millionären ab, »mit zwei Sitzen.«
Ich schaue zu Mom, die sagt: »Wir waren im Flugzeugmuseum. Eigentlich darf man nicht in die Exponate steigen, aber dein Großvater hat viel gespendet …«
Ich verdrehe die Augen. »Das war bestimmt cool.«
»Voll cool.«
Dann streckt er die Arme nach Savannah aus, die ihm einen Kuss auf die Wange drückt. »Bist du auch geflogen?«, scherzt sie.
Er schüttelt den Kopf, bevor er lacht. »Die können nicht fliegen.«
Wir hören Rumsen aus Richtung der Eingangstür, weswegen ich Milo an seine Mutter weitergebe, und meinem Vater zu Hilfe eile. »Hey, Dad.«
»Hey, Sohn«, sagt er lächelnd, stellt den Koffer ab, und zieht mich an sich.
Und auch, wenn ich einen ganzen Kopf größer als er bin, lasse ich mir das sehr gern gefallen. Auch so eine Entwicklung, die mich irgendwie kalt erwischt hat. Aber nachdem meine Eltern einen Fuß in der Tür hatten, haben sie mir direkt den ganzen Arm abgehackt. Oder wie immer dieses Sprichwort auch geht.
Ich greife nach den Koffern, bringe sie ins Gästezimmer. »Wie war die Anreise?«
»Alles normal.«
»Wir hätten euch am Flughafen abholen können.«
»Ach, wir wollten einen Mietwagen haben. Ich habe ein paar Termine in Atlanta.«
»Dafür hättest du auch eines von unseren Autos haben können.« Meinen rostigen Truck habe ich gegen ein sichereres Modell getauscht, nachdem Ellie Grace permanent bei uns eingezogen ist, und dieses ist einem noch sichereren gewichen, als Milo geboren wurde. Schließlich war er noch viel winziger als Ellie Grace …
Als wir zurück in die Küche gehen, und Dad auch Savannah begrüßt hat, fragt Mom: »Können wir euch noch irgendwie helfen?«
Savannah schüttelt den Kopf. »Cash hat seine Befehle.«
»Witzig«, erkläre ich trocken.
»Ich weiß.« Sie lacht mich an, bevor sie Milo in die Arme seiner Schwester gibt. »Ihr könnt einfach schon mal rausgehen. Cash bringt euch Sweet Tea. Die anderen müssen auch gleich kommen.«
Ich folge ihr in die Küche, hole eine große Karaffe aus dem Kühlschrank, folge ihnen zur Veranda.
Während ich Savannahs Befehlen Folge leiste, kommen unsere anderen Gäste, und als jeder Stuhl – bis auf meinen, weil ich zum Grillen abkommandiert wurde – besetzt ist, wird mir mal wieder so richtig bewusst, dass es okay ist, ein Eigenbrötler zu sein, aber es ist auch okay, Menschen in sein Leben zu lassen. Sie machen es reicher.
Mein Blick findet die Quelle meines Glücks, und einen Moment kann ich es nicht fassen, dass mir diese drei Schätze vergönnt sind. Fuck. Das Schicksal meint es gut mit mir.