Bonusszene Doch dann kam sie

Ein paar Jahre später

Dallas

Meine Hände schwitzen, mein Puls geht viel zu schnell.

»Ich kann nicht«, wispere ich.

Derek legt mir die Hand auf die Schulter. »Doch, natürlich kannst du. Du kannst alles.«

Ich wünschte, ich hätte nur halb so viel Vertrauen in meine Fähigkeiten wie er. So starre ich aber wie paralysiert auf den Bildschirm meines Handys, sehe nur den Betreff der E-Mail, die gerade gekommen ist. Vor fünf Minuten. Dass ich sie so schnell gesehen habe, liegt nur daran, dass ich darauf gewartet habe. Alle paar Minuten habe ich mein Postfach gecheckt, damit ich sie bloß nicht verpasse.

Und jetzt kann ich sie nicht öffnen.

Ich kann einfach nicht.

Mein gesamtes Schicksal liegt in dieser Mail. Auch wenn das vielleicht ein klein wenig dramatisch klingt, ist es wahr.

Ich habe in den letzten Jahren so hart gearbeitet. Es wäre einfach fies, wenn das keine Früchte tragen würde. Bei dem Gedanken muss ich widerwillig lächeln. Mit einem Obstbauern verheiratet zu sein, färbt ab.

»Kannst du?« Ich halte ihm das Handy hin.

Kurz sieht es so aus, als würde er es tun, aber dann sagt er: »Das ist dein Moment, Baby. Du hast es dir erarbeitet.«

»Aber wenn ich durchgefallen bin?«

»Bist du nicht.«

»Und wenn doch?«

»Dann kannst du die Prüfung wiederholen.«

»So einfach, ja?«

Er lächelt. »So einfach.«

Ich seufze, starre noch einmal auf das Display. Wie Pflaster abziehen. Schnell und ruckartig.

Nur, dass ich auch immer minutenlang rumhampele, bevor ich mich traue, das zu tun …

Noch einmal seufze ich. »Dann öffne ich sie jetzt.«

»Okay.«

Ich bewege mich nicht. »Hab ich’s schon getan?«

»Nein«, erklärt er amüsiert.

»Puh, ich hatte gehofft.«

Und dann tippe ich schnell auf den Bildschirm, weil er dunkler wird, was anzeigt, dass er gleich ausgeht, und treffe irgendwie genau die Mail, die mir solche Angst bereitet.

Bestanden.

Ich erschrecke mich so sehr, dass mir das Handy aus der Hand fällt. Dann schreie ich kurz auf, bevor ich mich auf den Boden stürze, um es wieder aufzuheben.

»Dallas …«, beginnt Derek besorgt.

»O Gott«, hauche ich, als ich auf dem Boden sitze und das Display anschaue.

Wo ist die Mail?

Ich scrolle durch mein Postfach, weil sie sich vielleicht irgendwohin verschoben hat.

Wo ist sie?

»O Gott. O Gott. O Gott«, jammere ich.

»Was denn?« Derek hockt sich neben mich.

»Sie ist weg.«

»Wer ist weg?«

»Die Mail! Sie ist weg! Aber du hast sie doch auch gesehen, oder? Sie war da.«

»Vielleicht hast du sie aus Versehen gelöscht, als dir das Handy aus den Fingern gefallen ist?«

»Wo ist sie denn?«, frage ich verzweifelt.

»Dallas … Du weißt, wo sich der Papierkorb in deinem Mailfach befindet …«

»Oh … äh. Ja.«

Eilig suche ich im Menü nach dem Ordner für gelöschte Mails. Da ist sie. Ganz oben.

Puh.

Ich verschiebe sie in den Posteingang, bevor ich sie erneut öffne.

Bestanden.

Immer noch.

Fassungslos starre ich die Worte an.

»Was?«, fragt Derek.

Ich halte ihm das Handy hin, und dann lacht er auf, bevor er mich auf den Boden tackelt, mich in die Arme schließt.

»Ich wusste es! Meine Frau ist brillant!«

Der Stolz, der in seiner Stimme mitschwingt, sorgt dafür, dass mir die Tränen kommen. Wer hätte je gedacht, dass ich mich mal für einen von den Guten entscheiden würde? Den Besten?

»Herzlichen Glückwunsch, Baby. Ich bin so wahnsinnig stolz auf dich.«

»Jetzt musst du mich Lawyer Baby nennen.«

»Oh, sorry. Mir war nicht bewusst, dass du jetzt auch privat deinen Titel trägst«, zieht er mich auf.

»Nur, weil er so hart erkämpft ist.«

»Ist er wirklich.« Er drückt seine Lippen auf meine. »Das hast du großartig gemacht.«

»Danke.«

Ich umfasse sein Gesicht, streichele über seine Wangen, lächele ihn an. Ja, es ist mein Verdienst, aber ohne ihn hätte ich es nie geschafft. Er hat mir den Rücken freigehalten, er hat mich mit Essen versorgt, wenn ich lernen musste, er hat mir zugesprochen, wenn ich geglaubt habe, dass ich der dümmste Mensch bin, der jemals auf der Erde gewandelt ist. Ohne ihn hätte ich es niemals geschafft.

»Danke. Eigentlich steht dir mindestens ein Viertel des Titels zu.«

Er grinst. »Hab nichts dagegen, wenn du mich Viertel-Master-of-the-Universe nennst.«

»Dann musst du mich Dreiviertel-Mistress-of-the-Universe nennen.«

»Irgendwie sind das doch ziemlich lange Titel.«

»Unpraktisch im Alltag«, stimme ich zu. Ich schlinge meine Arme um seinen Hals. »Ich hab es wirklich geschafft.«

»Hast du. Das sollten wir feiern.«

»Mit Blizzards oder mit Sex?«

»Mit beidem.«

»Was zuerst?«

»Das darfst du entscheiden.« Und bei diesen Worten sieht er mich so sexy an, dass ich gar nicht anders kann, als meine Hände unter sein T-Shirt zu stecken …

»Hast du eigentlich mit Stella besprochen, was jetzt wird?«, fragt Derek, als wir beide auf der Ladefläche seines Trucks sitzen, die Beine baumeln lassen und unsere Blizzards genießen.

»Jein.«

»Heißt?«

»Heißt … dass sie mir in den letzten Wochen immer ausgewichen ist. Ich hab es auch nicht richtig verfolgt, weil ich Angst hatte, es zu verschreien.«

»Du wirst jetzt wohl nicht mehr als ihre Anwaltsgehilfin arbeiten«, stellt er fest.

Der Gedanke, meine beste Freundin nicht mehr jeden Tag zu sehen, macht mich traurig. »Nein.«

»Dann machst du deine eigene Kanzlei auf?«

Ich zucke mit den Schultern. »Sweetwater ist nicht groß genug dafür. Ich mein, nicht mal die eine Kanzlei würde genug einbringen, wenn wir nicht auch in New Braunfels und Austin arbeiten würden.«

»Dann machst du eine eigene Kanzlei außerhalb auf? In New Braunfels?«

»Ich weiß es nicht«, gebe ich zu und fühle Scham in mir aufsteigen.

Das bin so gar nicht ich. Meine Pläne haben Pläne. Ich bin so organisiert, dass ich meinen Einkaufszettel farbig nach Lebensmittelgruppen markiere. Es passt nicht zu mir, die Dinge einfach schleifen zu lassen.

Nur deswegen habe ich es geschafft, mein Studium neben meinem Job ohne Verzögerung zu beenden.

Aber jetzt … Wieso habe ich nicht darauf bestanden, mit Stella zu sprechen? Wieso habe ich einfach den Kopf in den Sand gesteckt und jegliches Nachdenken über die Zukunft auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben?

»Und was willst du?« Er sieht mich an.

Ich seufze. »Alsoooo, wenn ich mal einfach nur rumspinne …« Er lächelt. »Dann hoffe ich, dass Stella mir anbietet, als Anwältin einzusteigen. Aber ich denke, sie ist mir ausgewichen, weil sie genau das nicht will und nicht in die Konfrontation gehen wollte.« Ich zucke mit den Schultern. »Keine Ahnung.«

»Vielleicht müsst ihr einfach mal reden.«

»Ganz sicher sogar. Aber … na ja, heute will ich nicht weiter darüber nachdenken, sondern nur den Moment genießen. Ist das okay?«

»Klar. Du hast dir ganz sicher einen solchen Moment verdient, nachdem du die letzten Jahre nie auch nur für eine Sekunde stillgestanden hast.«

»Ich hab ganz oft am Schreibtisch gesessen«, gebe ich zu bedenken.

»Ja, dein Körper war still, aber dafür hat dann dein Kopf Überstunden gemacht.«

»Das stimmt.«

Ich esse von meinem Eis, genieße, dass mein Oberarm gegen seinen gepresst ist, ebenso wie mein Oberschenkel. So viel Fläche wie nur möglich, wenn wir nebeneinander sitzen, ist an ihn geschmiegt. Und das macht mich so unglaublich glücklich.

Ich seufze zufrieden.

Derek schlingt seinen Arm um mich, und ich lehne meinen Kopf an. Wer hätte je gedacht, dass ich nicht nur ein neues Leben in Sweetwater gefunden habe, sondern auch eine neue Liebe? Nicht nur eine neue, die einzig wahre.

»Was ist mit dir?«, frage ich plötzlich.

»Was soll mit mir sein?«

»Bist du glücklich mit deinem Leben? Willst du was ändern? Du hast in den letzten Jahren so viel zurückgesteckt, weil ich diese absurde Idee hatte, Jura zu studieren. Jetzt bist du dran. Willst du was anderes?«

Er drückt mich. »Ich hab alles, was mich glücklich macht. Allerdings sind die Blowjobs in den letzten Monaten zu kurz gekommen.«

»Sei mal ernst.«

»Ich bin ernst! Blowjobs sind nichts, worüber ich scherze.«

Ich kneife die Augen zusammen, was ihn zum Lachen bringt. »Derek …«

»Lawyer Baby …«

Ich grinse. »Gefällt mir, wie du das sagst.«

Er beugt sich vor, küsst meine Nasenspitze, bevor er weiter sein Eis isst.

»Aber mal wirklich … Bist du zufrieden, so wie es ist?«

»Ich bin sehr zufrieden, so wie es ist.«

»Ehrlich?«

»Ehrlich. Die Plantage läuft gut. Zwar bekomme ich jetzt keine so günstigen Kredite mehr von der Bank«, weil er die zuständige Bankangestellte nicht mehr vögelt, »und auch der amtliche Kram dauert länger«, auch das, weil keine sexuelle Bezahlung mehr durchgeführt wird, »aber es läuft gut. Die Ernten waren sehr gut, und es beginnt, sich auszuzahlen, dass wir den Weinanbau ausgeweitet haben.«

»Ich persönlich finde es richtig gut, dass du den Weinanbau ausgeweitet hast.«

»Du bist meine beste Kundin.«

»Ha ha.«

Er lacht auf. »Nur Spaß. Beruflich bin ich erfüllt. Und privat …«

»Sag jetzt nichts Falsches.«

»Würde ich doch nie, kennst mich doch.«

»Deswegen sag ich es ja.«

Grinsend meint er: »Privat hab ich die tollste Frau von allen. Und wenn sie mal öfter wieder meinen Schwanz im Mund hat …«

Ich schüttele den Kopf. »Ich wusste, du würdest das Falsche sagen.«

Er zieht mich an sich. »Es ist genau das Richtige.«

»Gar nicht.«

»O doch.«

Ich drücke meine eisigen Lippen auf seine, bevor ich ihn ernst ansehe: »Ich will, dass du glücklich bist.«

»Bin ich.«

»Ich will, dass du glücklich bleibst.«

»Hast du in der Hand.«

Ich verdrehe die Augen. »Ich dachte, im Mund.«

Er zwinkert mir zu. »Ich mag, wie du denkst.«

»Du denkst doch an nichts anderes.«

»Hast du dich mal angesehen? Wie soll ich überhaupt an was anderes denken?«

»Na gut. Stimmt ja.«

Er lacht auf, bevor er nickt. »Lass uns einander Folgendes versprechen: Sobald einer von uns nicht mehr glücklich ist, sagen wir es einander. Sofort. Wir lassen es nicht schleifen, weil wir denken, dass sich das schon wieder einrenkt oder irgendein anderer Bullshit. Wir reden sofort darüber, bevor es sich einschleicht und wir irgendwann keine Chance mehr haben, es zu stoppen.«

»Ich hatte angenommen, dass das sowieso schon unsere stillschweigende Vereinbarung war.«

»Jetzt zementieren wir das eben.«

Ich halte ihm die Hand hin. »Alles klar.«

»Deal«, sagt er, als er einschlägt.

Aber dann besiegeln wir es noch einmal mit einem Kuss. Beste Verhandlungen.

Als ich am nächsten Morgen vor die Kanzlei trete, eilt Stella aus dem Gebäude, als hätte sie am Fenster gestanden.

»Morgen«, sage ich überrascht. Zum einen, weil sie herausgeschossen kommt, zum anderen, weil ich eigentlich immer die Erste bin.

Dass sie vor mir da ist, kommt nur äußerst selten vor.

»Guten Morgen«, erklärt sie strahlend.

»Bist du aus dem Bett gefallen?«

»Nein«, erklärt sie grinsend.

»Hat Theo dich rausgeworfen?«

»Auch nicht.«

»Wieso bist du dann so früh da und hast so gute Laune?«

»Herzlichen Glückwunsch zur bestandenen Prüfung!«, kreischt sie, bevor sie mir um den Hals fällt.

Perplex stehe ich einen Moment still, bevor ich meine Arme um sie schlinge. »Danke.«

»Darf ich weiterhin Dallas sagen oder muss ich auch Lawyer Baby sagen?«

»Ich bring ihn um.«

Sie lacht auf, löst sich von mir. »Ich kann Schaufel und Müllsäcke besorgen.« Dann legt sie den Kopf schief. »Und ich übernehme natürlich deine Verteidigung. Wobei … eigentlich kannst du es jetzt selbst.«

Sie tritt auf das Gebäude zu. Erst jetzt sehe ich, dass irgendwas über dem Namensschild klebt. Papier.

Sie grinst mich an, bevor sie dramatisch die Abdeckung runterreißt. Einen Augenblick verstehe ich nicht, was ich da sehe.

Harding & Harding.

Anwältinnen.

Dann schlage ich meine Hände vor den Mund, kann die Tränen nicht aufhalten, die in Strömen aus meinen Augen fließen.

»Also, irgendwie hatte ich ja gedacht, dass du dich freust …«, scherzt sie.

»Tu ich ja«, schluchze ich.

»Komische Art, das zu zeigen.«

»Du bist so blöd.«

»Heißt das, du akzeptierst mein Angebot? Ich mein, musst du, schließlich gibt es schon ein Schild.«

»Natürlich! Danke!«

Sie lächelt. »War doch klar.«

»So klar war mir das nicht.«

»Ich kann doch gar nicht ohne dich.«

»Ja, aber wenn ich deine Partnerin bin, dann organisiere ich deinen Tag nicht mehr.«

»Ups. Das hab ich nicht bedacht.« Sie grinst mich an. »Du kannst erst als Anwältin arbeiten, wenn wir einen Ersatz für dich gefunden haben.«

Ich trete auf sie zu, schlinge meine Arme um sie. »Danke.«

»Du bist meine beste Freundin. Natürlich will ich, dass du immer bei mir bist.«

»Es hat mir wirklich zu schaffen gemacht, dass du mir immer ausgewichen bist.«

Sie grinst. »Ich hatte Angst, dass ich einfach alles ausplaudere. So hab ich Emory die Ohren abgekaut und sie zu absolutem Stillschweigen verurteilt.«

»Die Arme.«

»Frag sie nur. Sie wird dir sagen, was für eine Tyrannin ich bin.«

»Das weiß ich auch so.«

»Biest.« Sie schlingt ihren Arm um mich. »Wie gut, dass du Dereks Nachnamen nach der Hochzeit angenommen hast.«

»Wie gut, dass du deinen nicht abgegeben hast.«

»Als hätten wir es geplant.«

Grinsend starren wir beide auf das Schild.

»Na, Mädels«, höre ich Dereks Stimme hinter mir.

Wir drehen uns beide zu ihm um.

Ja, das Schicksal hat es gut mit mir gemeint. Ein neues Leben. Die wahre Liebe. Die besten Freundinnen, die man sich nur vorstellen kann. Perfekt.