Bonusszene Ein Cowboy für Kayla

Chase

Vor zweiundzwanzig Jahren

Ich werde so was von Ärger bekommen. Das weiß ich, aber trotzdem musste ich mich rausschleichen. Als ich gehört habe, dass Mom leise schnarcht, habe ich das Fenster hochgeschoben und bin über das Fallrohr auf die Straße geklettert.

Mom hat Nachtschicht, daher schläft sie tagsüber. Vielleicht hätte sie gar nicht gemerkt, wenn ich einfach zur Vordertür rausmarschiert wäre, aber dieses Risiko wollte ich nicht eingehen. Stattdessen eben dieser Weg.

An der Bushaltestelle habe ich mein mickriges Taschengeld für eine Fahrkarte ausgegeben, nur um jetzt hier zu stehen. In der Arena mit all den Cowboys, die ich bisher nur im Fernsehen gesehen habe. Bewundert habe, muss ich sagen.

Ich habe kein Ticket, aber Glück. Eine Tür stand offen und ich bin hineingeschlüpft. Dreizehnjährige Jungen sind beim Rodeo offensichtlich keine Seltenheit, denn niemand hat mich komisch angesehen. Auch wenn ich aus dem Starren nicht mehr rausgekommen bin.

Echte Cowboys.

Echte Pferde.

Echte Rinder.

Und ich mittendrin.

Ich suche den Weg zum Rodeoring, wünsche mir nichts mehr, als irgendwann auch einmal hier zu stehen. Nein, nicht zu stehen. Ich will auf einem Pferd sitzen, einen Bullen bezwingen und ein Rind durch die Gegend scheuchen.

Ich trete an den Zaun, schaue zwischen den Latten hindurch, sehe einen Cowboy auf einem bockenden Pferd.

Sie sind die mutigsten Männer, die ich kenne.

Ehrfürchtig schaue ich zu, wie ein Mann sich auf einem hin- und her springendem Pferd hält. Er muss mit Klebstoff eingeschmiert sein, sonst kann ich mir das einfach nicht vorstellen.

Als die acht Sekunden vorbei sind, springt er vom Pferd. Die Rodeoclowns lenken das Tier ab, und der Cowboy geht winkend durch den Ring.

Geradewegs auf mich zu.

Ich schlucke, als ich einen meiner Helden auf mich zukommen sehe. Kurz vorher schwenkt er ein klein wenig um, geht dann durch das Tor, das ihm geöffnet wird.

Ich drehe mich in die Richtung, starre ihn an.

So von nahem kann ich sehen, wer er ist. Randy Briscoe.

Der Randy Briscoe.

Ich schlucke, weil ich niemals damit gerechnet habe, dass ich dieselbe Luft wie er atmen würde.

Er schüttelt ein paar Hände, bis er sich wegdreht. Er sieht mich, lächelt mir zu, kommt auf mich zu. Randy legt seine Hand auf meine Schulter, drückt sie kurz.

»Na, Kleiner.« Dann ist er verschwunden.

Das Einzige, was bleibt, ist das Gefühl, dass ich zum Ritter geschlagen wurde. Randy Briscoe weiß, wer ich bin!

Vor achtzehn Jahren

»Wenn du das machst, brauchst du nicht wiederzukommen!«, ruft Mom erbost, als ich mit meiner Reisetasche ins Wohnzimmer trete.

»Mom …«, sage ich leise, weiß nicht, was ich genau sagen will. Weiß nur, dass ich in meinem Herzen spüre, dass ich keine andere Wahl habe.

»Das kannst du dir sparen! Die Highschool abbrechen, ein Jahr vor dem Abschluss. Das ist ja schon schlimm genug, aber zum Rodeo gehen? Um Bullenreiter zu werden? Das ist absurd! Vollkommen absurd. Ich verbiete es.«

»Du kannst mir nichts verbieten«, flüstere ich unglücklich.

Ich will meine Mutter auf keinen Fall traurig machen, aber ich muss diesem Traum folgen, den ich schon seit so vielen Jahren habe. Ich werde Rodeoreiter. Ich muss einfach.

»Natürlich kann ich das! Ich bin deine Mutter. Und du erst siebzehn.«

»Nicht mehr lange, dann bin ich achtzehn.«

»Aber jetzt noch nicht!«

Ich starre sie unschlüssig an. Ich will nicht gegen ihren Willen gehen, aber es macht keinen Unterschied, ob ich jetzt noch ein paar Wochen hier bleibe oder jetzt die Chance nutze, die ich habe, weil das Rodeo wieder in der Stadt ist.

»Ich will das machen.«

Sie starrt mich an. »Dann brauchst du nicht mehr nach Hause zu kommen«, sagt sie dann unversöhnlich.

Mein Herz schmerzt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie wieder weich wird, sobald ein bisschen Zeit vergangen ist. Mom konnte mir noch nie lange böse sein.

Ich trete auf sie zu, auf meine kleine Mom, mit ihrem kämpferischen Blick. Sie sieht mir grimmig in die Augen. Ich beuge mich runter, küsse sie auf die Wange, bevor ich das Haus verlasse.

Ich nehme den Bus zur Arena, mache mich dann direkt auf den Weg zu Bruno Castro, dem Chef des Rodeozirkus, der mir letztes Jahr versprochen hat, dass ich meine Chance bekomme, wenn ich mich auf dem Bullen halten kann.

Er kann sich zwar nicht mehr an mich erinnern, aber er bringt mich zum Ring, wo ein paar Cowboys stehen und miteinander scherzen. Aufregung steigt in mir auf. Es fühlt sich an, als hätte ich ein goldenes Ticket, das ich nur noch einlösen muss.

Bruno hat mir gesagt, dass ich keine acht Sekunden aushalten muss, um genommen zu werden, aber natürlich sagt mir der Ehrgeiz, dass ich keinesfalls kürzer auf dem Pferd bleiben darf. Ich muss es schaffen.

»Hank, mach mal einen Bullen fertig«, befiehlt Bruno.

Und dann wird es ernst.

»Da vorne kannst du dich umziehen«, erklärt der Boss.

Verwirrt schaue ich ihn an. »Umziehen?«

Er runzelt die Stirn. »Deine Chaps. Boots.«

»Oh, ähm, klar«, stammele ich.

Ich wusste nicht, dass ich Chaps und Cowboystiefel brauche, also nicht für diesen Test. Klar laufen alle Cowboys auf dem Rodeo so rum. Aber ich dachte, dafür hätte ich noch Zeit …

Unschlüssig gehe ich in die Richtung, in die Bruno gedeutet hat, weiß nicht, woher ich die richtige Kleidung herzaubern soll.

Ist dieser Traum schon wieder zu Ende, bevor er noch angefangen hat? Dafür habe ich mich mit Mom gestritten?

Echt jetzt?

»Hey, Junge«, höre ich eine freundliche Stimme.

Ich drehe mich um, und Randy Briscoe lächelt mich an. Der Randy Briscoe.

»Sir«, stammele ich.

»Sag Randy.« Dann reicht er mir etwas aus Leder. »Hier. Versuch’s mit denen.«

Ich starre auf die Chaps, bin mir nicht sicher, was ich dazu sagen soll. Dann schaue ich dankbar auf. »Danke.«

»Zeig, was du kannst.« Er lächelt aufmunternd.

Ich habe keine Stiefel, dafür aber Chaps. Aber ich komme nicht annähernd an die acht Sekunden ran. Gerade mal zwei.

Und als ich abends kleinlaut auf der Matte meiner Mom stehe, sagt sie nicht »Ich hab’s dir doch gesagt«, nein, sie zieht mich in die Arme und sagt, dass sie stolz auf mich ist. Und wenn ich da nicht heulen will …

Vor siebzehn Jahren

Ich versuche es erneut. Ich lasse mir meinen Traum doch nicht durch die Tatsache kaputtmachen, dass ich noch nie auf einem Pferd gesessen habe, geschweige denn auf einem Bullen. Nur das eine Mal im letzten Jahr, als ich ganze zwei Sekunden ausgehalten habe.

Dieses Mal frage ich Bruno, wie viele Sekunden ich schaffen muss. Er sieht mich mitleidig an, so, als würde mich diese Frage schon von vornherein disqualifizieren.

Seufzend ziehe ich die Chaps an, die Randy nicht zurückhaben wollte. Dieses Mal habe ich auch Cowboystiefel. Secondhand vom Flohmarkt. Daran soll es nicht scheitern.

Bruno gibt mir ein Zeichen, und ich marschiere zur Bull Chute, der Startbox, in der ich mich auf den Bullen setze.

Es ist aufregend, meine Hände schweißnass.

Und es wird auch nicht einfacher, als ich sehe, dass Randy Briscoe am Rand auftaucht, seine Arme über eine Latte des Zauns hängt und mir zusieht. Der Randy Briscoe.

Ich schaffe das. Das ist mein Mantra.

Ich setze mich hin, wickele meine Hand um das Seil, positioniere mich, wie ich es bei meiner Recherche gesehen habe. Dann gebe ich Hank das Zeichen, und das Tor fliegt auf. Und der Bulle … der fliegt in die Luft.

Vier Sekunden.

Verdammte vier Sekunden.

Ich schaue zu Bruno, der den Kopf hin- und herwiegt. Was will er denn noch, verdammt noch mal?

»Sorry, Kleiner«, sagt er dann schließlich. Versuch es nächstes Jahr noch mal.«

»Bitte! Geben Sie mir eine Chance. Ich werde so hart an mir arbeiten, das haben Sie noch nicht gesehen. Nur eine Chance.«

Er sieht mich nicht unfreundlich an, als er sagt: »Nicht jeder ist fürs Rodeo geeignet.«

Ich starre ihm hinterher, als er wieder in Richtung seines Büros geht.

»Du hast dich gebessert.«

Ich schaue auf, reiße dann die Augen auf, als Randy Briscoe neben mir steht. Ja, ganz genau der Randy Briscoe.

»Nicht genug.«

Er zuckt mit den Schultern. »Doppelt so gut. Nächstes Mal schaffst du es.« Er nickt mir zu, bevor er weggeht.

»Sir! Können Sie mir einen Tipp geben?«

Er dreht sich noch einmal um. Dann grinst er. »Bleib über deinen Füßen.«

Ich runzele die Stirn. »Was soll das heißen?«

»Das findest du schon heraus.«

Seufzend starre ich ihm hinterher. Noch ein Jahr verschwendet. Aber ich kann diesen Traum auch noch nicht verloren geben. Es geht einfach nicht.

Vor sechzehn Jahren

Vor zwei Jahren saß ich das erste Mal auf einem Bullen. Und wieder einmal stehe ich an der gleichen Stelle, versuche, mir meinen Traum zu erfüllen, und bin mittlerweile schon ziemlich frustriert und verzweifelt, weil ich das Gefühl habe, es niemals zu schaffen.

Ausgestattet mit Chaps, Cowboystiefeln und Handschuhen bewege ich mich auf die Starterbox zu, werfe dem Bullen einen Blick zu. Hank hat ein wildes Tier ausgewählt. Schon eingepfercht zwischen den Zäunen kommt ihm Dampf aus den Nüstern und die Augen wirken, als wären sie blutunterlaufen. Ein Teufel.

Keine Ahnung, ob Bruno es darauf abgesehen hat, mich davon zu kurieren, es noch ein viertes Mal zu versuchen. Vielleicht soll meine Niederlage vollumfänglich sein.

Aber ich werde ihm beweisen, dass ich die beste Wahl bin.

Man soll seinen Kopf zu Hause lassen, aber das ist gar nicht so einfach, wenn man neben einem zweitausend Pfund schweren Tier steht. Wie soll man sich da nicht unbedeutend und klein vorkommen?

Seufzend klettere ich auf den Zaun, bevor ich mich auf den Bullen schwinge. Noch so ein Tipp ist, dass man den richtigen Griff haben muss. Der falsche sorgt dafür, dass man schnell heruntersegelt.

Mittlerweile weiß ich auch, was Randys Tipp bedeutet. Über seinen Füßen zu bleiben, heißt, dass man mit dem Oberkörper nicht hinter die Hüfte fällt, denn sonst hat der Bulle leichtes Spiel.

Ich wickle meine Hand um das Seil, strecke die Beine ein klein wenig nach vorne, nicke Hank dann zu. Und dann … Dann explodiert der Bulle.

Sechs Sekunden.

Ich habe sechs Sekunden auf einem Bullen gesessen, der versucht hat, mich umzubringen.

Sechs Sekunden scheinen nicht lang zu sein, aber wenn man sie auf einem Biest überleben soll, dann sind sie es. Es fühlt sich an, als würde ein ganzes Leben an mir vorbeiziehen.

Ich schaue zu Bruno, will wissen, was er sagt.

Er wiegt den Kopf hin und her, bevor er schließlich nickt.

Fassungslos schaue ich ihn an. »Wirklich?«

»Sag kein Wort. Nicht, dass ich es schon wieder bereue.«

Ich schüttele vehement den Kopf. »Auf gar keinen Fall, Sir. Danke, dass Sie mir diese Chance geben.«

Er winkt ab. »Du wirst den Tag noch bereuen.«

Ich grinse so breit, wie ich noch nie gegrinst habe. »Das glaube ich nicht.«

Und dann … Dann bin ich ein Bullenreiter.