Bonusszene Ruth & Tim
Ruth
Ein paar Monate später
Er ist auffallend still. Normalerweise erzählt er jede Menge, das meiste Unsinn natürlich, aber er ist nicht so wortkarg wie ein paar der anderen Bewohner von Whynot. Wenn er dann mal nichts sagt, ist das schon auffällig.
Ich beobachte ihn aus den Augenwinkeln, will fragen, was das Problem ist, will ihm aber auch diesen Moment der Ruhe gönnen.
Stattdessen greife ich nach seiner Hand, verflechte unsere Finger.
Sofort drückt er meine, schaut zu mir.
Tim hat die wunderschönsten Augen, die ich je gesehen habe. Vielleicht liegt es daran, dass sie mich immer mit so viel Liebe ansehen. Mit so viel, wie ich es noch nie erlebt habe.
»Alles okay?«, fragt er.
»Das wollte ich dich fragen.«
Er streicht sich mit seiner kräftigen Hand durch die dunklen Haare. »Kann sein, dass ich ein wenig aufgeregt bin.«
Überrascht schaue ich ihn an. »Du?«
Er nickt zögerlich. »Ich weiß, das ist nicht zu glauben bei meiner grandiosen Persönlichkeit, aber es ist durchaus nervenzerreißend, die Eltern der Frau kennenzulernen, die man liebt. Und wenn man schuld ist, dass sie am anderen Ende des Landes bleibt.«
»Nicht nur am anderen Ende des Landes«, gebe ich zu bedenken. »In der Eishölle am Arsch der Welt.«
»Und ich dachte, du hast angefangen, Alaska zu mögen …«
Ich lehne mich gegen ihn, als die Anschnallzeichen angehen. »Du weißt nicht, wie froh ich war, als endlich der Winter vorbei war.«
Seine Mundwinkel zucken. »Hab ich also eine Mitstreiterin für sechs Monate Einkuscheln zu Hause gefunden?«
»Wenn man bedenkt, dass wir kaum was anderes gemacht haben, wär es lächerlich zu behaupten, dass ich es nicht genossen hab.«
»Ich bin ein großartiger Kuschler.«
»Das bist du.«
Er drückt einen Kuss auf meine Schläfe. »Was, wenn mich deine Eltern nicht leiden können?«
Ich zucke mit den Schultern. »Dann werd ich wohl mit dir Schluss machen müssen.«
Er sieht mich entsetzt an, weswegen ich anfange zu lachen.
»Du hättest mal dein Gesicht sehen sollen.«
»Nicht witzig«, grummelt er, hält meine Hand fester.
»Um ehrlich zu sein, war das mein Highlight der Woche.«
»Hey, ja! Ich bin dein Highlight der Woche. Des Tages, der Stunde, der Minute. Ich bin jede Sekunde dein verdammtes Highlight.«
Lachend schaue ich zu ihm auf. »Sorry, hatte vergessen, dass ich manchmal dein Ego streicheln muss.«
Er verdreht die Augen. »Das hat nichts mit Ego streicheln zu tun, nur mit der reinen Wahrheit.«
Wir setzen auf dem Boden auf. Das gelobte Land, schießt mir durch den Kopf.
Und das überrascht mich. Anders, als ich gedacht habe, hat sich Alaska tatsächlich in mein Herz geschlichen. Ja, der Winter war schon kalt, aber ich hatte es mir schlimmer vorgestellt, wenn ich ehrlich bin. Ich hatte befürchtet, dass ich festfrieren würde, wenn ich auch nur eine Sekunde verpasse, den nächsten Schritt zu machen.
Aber so war es nicht.
Nicht, dass ich plötzlich ein großer Fan von Schnee geworden wäre, mitnichten, aber Tim hat sein Versprechen wahrgemacht. Wir haben lauter coole Winterdinge gemacht. Mein liebstes cooles Winterding ist Schneemaschine fahren (oder Schneemobil für alle, die nicht in Alaska leben).
Dick eingepackt durch die schneebedeckte Landschaft fahren … Hach. Das hat schon was.
Ich musste auch feststellen, dass Schnee auf dem Land sehr viel besser ist als in der Stadt. Statt Matsch ist er weiß – und wenn er gelb ist, sollte man sich fernhalten – und pudrig und knirscht so schön unter den Stiefeln.
Doch, Schnee hat schon was. Das muss ich zugeben.
Aber es ist nicht nur Alaska an sich, was mich gepackt hat. Es sind vor allem die Menschen. Und ganz besonders die in Whynot. Sie sind ein besonderer Schlag.
Ich hatte schon gehört, dass es hauptsächlich Menschen nach Alaska gezogen hat, die nonkonformistisch sind. Querulanten, Abenteurer, Idealisten, Träumer. Und jetzt auch noch ihre Nachfahren.
Sie sind anders.
Und ich liebe sie.
Tim schnallt sich ab, steht auf, holt unser Handgepäck aus dem Fach. Ich bleibe noch einen Moment sitzen, bis klar ist, dass die Türen auch wirklich geöffnet werden, und klettere dann aus der Sitzreihe, stelle mich vor ihn.
Das ist wirklich eine Verbesserung von gemeinsamem Fliegen. Ich muss mich um nichts kümmern. Muss einfach nur wie ein Entenküken hinter ihm herwatscheln – oder vor ihm wie jetzt.
Als ich die Gangway runtergehe, bin ich einen Moment versucht, mich am Boden auf die Knie zu werfen, um die Landebahn zu küssen, allerdings … Was riecht hier denn so komisch?
Ich schaue zu Tim, als wir zum wartenden Bus gehen. »Findest du auch, dass es hier komisch riecht?«
Er nickt. »Das ist die Großstadt.«
Hm, kann das wirklich sein? Dass ich jetzt die klare Luft Alaskas – und ganz besonders des Denali – gewohnt bin und mit Großstadt-Smog nicht mehr zurechtkomme?
»Bist du noch aufgeregt?«, frage ich, als wir im Bus aneinander gepresst werden.
Er schlingt seinen Arm um mich, hält sich mit der anderen Hand an der Stange fest. »Je näher wir unserem Ziel kommen, desto mehr.«
»Sie beißen nicht.«
»Sagst du.«
Ich grinse ihn an. »Dad sagt überhaupt gar nichts, nicht mal zu mir. Und Mom … Na ja, wenn du ihr ein paar Kniffe bei Candy Crush zeigst, ist sie zufrieden.«
Er verdreht die Augen. »Deine Mom spielt nicht Candy Crush.«
»Woher willst du das wissen?«
»Wir haben telefoniert.«
Ich schaue ihn überrascht an. »Wann?«
»Mehrmals, um genau zu sein.«
»Wieso?«
»Weil sie deine Mutter ist.«
»Aber mir schickt sie nur unpassende Emojis.«
Er schmunzelt leicht, und ich liebe, dass seine Augenwinkel sich dabei in Fältchen legen. »Das musste ich unterbinden, als sie mir mal die Aubergine mit Spritzern geschickt hat.«
Ich lache auf. »O Gott«, stöhne ich dann. »Was dachte sie, würde sie dir schreiben?«
»Die Aubergine war das Ende des ersten Satzes, als sie mir erzählt hat, was es zu essen gab. Die Spritzer gehörten zum nächsten Satz, weil sie wissen wollte, ob es bei uns auch regnet.«
Ich schüttele ein wenig fassungslos den Kopf. »Irgendjemand muss ihr dringend das Handy wegnehmen.«
»Bist du mutig genug dafür?«, scherzt er.
Dieses Mal ist das Schütteln vehement. »Auf gar keinen Fall. Brandon hat mir unmissverständlich klargemacht, dass man niemals die Bärin piesackt.«
»Deine Mom ist ’ne Bärin?«
»Oder so was in der Art«, erkläre ich grinsend. »Auf jeden Fall kann sie beängstigend sein.«
»Aber wenn sie eine Bärin ist, bist du ihr Bärenjunges und damit doch ihr Augenstern.«
Ich lächele zufrieden. »Bin ich.«
»Dann hast du doch nichts zu fürchten. Meine Mutter hast du ja auch schon um den Finger gewickelt.«
Ich halte ihm die Hand vors Gesicht. »Und schau, wie entzückend sie sind.«
Er tut so, als würde er nach meiner Hand schnappen.
Lachend gebe ich ihm einen Stubs, bevor ich mich an ihn kuschele. »Sie werden dich genauso lieben, wie ich dich liebe.« Dann überdenke ich meine Worte. »Okay, Dad vielleicht nicht. Nach über dreißig Jahren bin ich mir immer noch nicht sicher, ob er dieses Kinderkriegen nicht für einen Fehler gehalten hat.«
»Hat er nicht.«
»Sag mir nicht, dass du auch mit meinem Vater telefoniert hast?«
»Nein, ich denke nur nicht, dass irgendjemand dich für einen Fehler halten könnte.«
»Du bist schon manchmal süß.«
Er kneift die Augen zusammen. »Was meinst du mit manchmal?«
Der Bus bleibt stehen, und ich greife nach seiner Hand. »Na gut, immer.«
»Wollt schon meinen …« Er schenkt mir eines von diesen Lächeln, die dafür sorgen, dass ich ihm am liebsten mein Höschen zuwerfen will.
»Hach«, mache ich schwärmerisch, was ihn zum Lachen bringt.
Wir marschieren zum Gepäckband. Eigentlich bleiben wir nur ein verlängertes Wochenende in Washington, aber gepackt haben wir, als würden wir zwei Wochen bleiben. Meine Entschuldigung kenne ich. Schließlich bin ich so froh, dass ich mal mehr als ein Paar Schuhe tragen kann. Die letzten Monate waren es hauptsächlich Winterstiefel. Seine ist mir vollkommen unbegreiflich.
Der Mann, der die ganze Woche dieselbe Hose tragen kann, hat plötzlich so getan, als würde er für die New York Fashion Show packen. Aber vielleicht will er einen guten Eindruck machen, und den kann man mit dunkelgrauen Sweatpants ganz sicher nicht machen.
Aber da er den Koffer trägt, habe ich keinerlei Beschwerden.
Er reicht mir die Hand. »Sorry, wenn sie schwitzig ist.«
Ich bleibe stehen, starre ihn an. »Du scherzt nicht, oder? Du hast wirklich Angst vor diesem Treffen?«
»Ein bisschen schon.«
Ich drücke seine Hand. »Ich beschütze dich.«
Er grinst mich an. »Dann kann mir ja nichts mehr passieren … O nein, warte. Beschützt du mich so sehr, wie diese Gruppe Touristen, die letztens von einem Elch angegriffen wurde?«
»Ha ha«, mache ich, während ich spüre, wie mir das Feuer in die Wangen steigt.
»So sehr, wie Brandon, als du ihn aus Versehen vor einen Jeep gestoßen hast?«
»Du musst nicht all meine Verfehlungen aufzählen. Neue Regel: Jeder kämpft für sich selbst. Wir treffen uns am Sonntag am Flughafen wieder.«
Ich will meine Hand losreißen, aber er hält sie fest. Gott sei Dank.
»Ist nicht«, erklärt er streng, bevor er grinst. »Mich wirst du nicht mehr los.«
Ich seufze. »Fein, dann eben nicht.«
Hand in Hand marschieren wir aus dem Sicherheitsbereich. Sofort fällt mein Blick auf Mom, die an der Absperrung steht. Sie lächelt, als sie uns sieht, winkt aufgeregt.
Ich lache, eile auf sie zu, löse mich dazu sogar von Tim. Aber kurz bevor ich bei ihr bin, tritt sie zur Seite. »O mein Junge!«, ruft sie aus, umarmt Tim.
Fassungslos starre ich sie an. »Dein Ernst, Mom?«, frage ich sie trocken.
Während Tim und meine Mom sich angrinsen.
»Nehmt euch doch ein Zimmer«, grummele ich vor mich hin.
Dann wendet sich Mom an mich. »Hast du was gesagt?«
»Toll, Mom, ehrlich.«
Sie lacht auf, bevor sie mich umarmt. »Ich bin so froh, dich zu sehen, mein Schatz.«
Ich funkele Tim an, der unschuldig tuend die Hände hebt. Ich kneife die Augen zusammen. So ein Schuft. Oder Schurke. Nein, beides. Er ist beides.
Tim grinst mich an. »Hey, ich bin unwiderstehlich.«
Ich verdrehe die Augen, hake mich bei Mom ein. »Wie geht’s Dad?«
»Ach, du kennst doch deinen Dad …«
Und damit hat sie eigentlich schon genug gesagt.
Wir folgen ihr zu ihrem Auto, Tim lädt das Gepäck in den Kofferraum, setzt sich dann auf die Rückbank.
»Willst du dich nicht nach vorne setzen? Mit deinen langen Beinen?«, fragt Mom.
»Ach, das passt schon, aber danke, dass Sie sich sorgen, Mrs. Harper«, erklärt er mit einem Seitenblick auf mich.
Ich schüttele den Kopf, weil er es echt dick aufträgt.
»Ich hab doch gesagt, du sollst mich Martha nennen«, sagt sie kichernd.
Kichernd.
Kann es sein, dass ich durch meine eigene Mutter ersetzt werden soll?
Als Mom aus dem Flughafen fährt, freue ich mich, all die bekannten Straßen zu sehen. Beruflich war ich schon an vielen Orten, aber nach Hause kommen verliert nie seinen Reiz.
Mom fragt Tim über seinen Job in der Brauerei aus, und er behauptet, dass er extra für sie ein ganz besonderes Bier gebraut hat. Ah, okay, vielleicht ist das der Grund für den vollen Koffer.
Ich drehe mich zu ihm um. »Schleimer«, flüstere ich lautlos.
Er grinst mich an, zuckt mit den Schultern.
Mom parkt vor meinem Elternhaus, und wir folgen ihr die Stufen zum Eingang nach oben.
»Kommt rein, kommt rein«, scheucht sie uns ins Haus.
Ich schaue auf, als ich Schritte höre, und kann es gar nicht fassen, dass Dad in der Tür zum Wohnzimmer steht. Gerade als ich lächeln will, merke ich, dass er gar nicht mich begrüßen will.
Nein, er geht mit ausgestreckter Hand auf Tim zu!
»Sohn«, sagt er dann, als sie sich die Hände schütteln.
Fassungslos ist gar kein Ausdruck mehr. Ich weiß nicht mehr, wo unten und oben ist, rechts und links. Das hier muss ein Paralleluniversum sein, anders kann ich es mir nicht erklären.
Nicht nur, dass Dad von seinem Fernsehsessel aufgestanden ist, nein, er sagt auch noch was. Worte. Okay, eins, aber es ist ein echtes Wort.
»Er spricht«, hauche ich zu Mom.
Sie lacht auf. »Wovon sprichst du, Spätzchen? Dein Vater spricht die ganze Zeit.«
Ich starre sie an. »Das tut er nicht.«
Als sich Dad aus seiner Bromance löst, sieht er kurz zu mir, nickt, bevor er zurück ins Wohnzimmer geht. Ich schüttele den Kopf, starre ihm hinterher.
Dann wirbele ich zu Tim herum. »Du bist so ein blöder Schleimer.«
Er lacht auf, zuckt mit den Schultern. »Wer kann, der soll.« Dann schlingt er seinen Arm um mich. »Ich glaube, hier gefällt es mir.«
»Kann ich gar nicht finden«, murmele ich.
»Du bist so ’ne schlechte Verliererin«, scherzt er.
»Und du bist so doof.«
Er beugt sich zu mir. »Aber ich hab gewonnen.«
Dann drückt er mir einen kurzen Kuss auf die Lippen, bevor er zu meiner Mom geht, die uns amüsiert zugesehen hat. »Martha, Lust auf ein Bier?«
Ich starre den beiden hinterher. Wenn ich mich nicht so freuen würde, dass sie meinen Partner mögen, dann wäre ich jetzt echt beleidigt …
»Kommst du, Babe?«, ruft Tim.
Und ich würde ihm überallhin folgen …
