Bonusszene Sweet Tea & Second Chances
Annabeth
Zwei Jahre später
Ich stehe am Küchentisch, packe Schokokugeln in kleine Organza-Beutel, die ich mit einem goldenen Band schließe. Nur noch gefühlt dreitausend Stück. Nicht, dass wir so viele Gäste haben.
Beckett und ich wollten eine kleine Hochzeit. Aber als wir alle durchgezählt haben, die unbedingt kommen müssen, waren wir schon bei über vierzig. Und dann gab es auch noch ein paar, die wir zwar nicht unbedingt dabei haben mussten, aber die tödlich beleidigt wären, wenn wir sie nicht eingeladen hätten. Da waren wir dann bei siebzig.
Und dann kamen noch die, von denen wir beide nicht wissen, wie sie überhaupt auf die Liste gekommen sind, aber als sie einmal da waren, haben sie sich da festgesetzt und kamen nicht mehr runter.
An diesem Punkt haben wir gesagt: Scheiß drauf. Es wird wohl doch eine große Hochzeit.
Und jetzt sind es hundertfünfzig Gäste, und ich weiß ehrlich nicht, wie das passieren konnte. Wieso wir unser Leben offensichtlich so vollständig nicht im Griff haben, dass wir kurz davor standen, einfach komplett Peach Blossom Creek einzuladen – etwas, was seine Mom befürwortet hat.
Und weil sich das Verhältnis von Beckett zu seiner Mom in den letzten Jahren verbessert hat, wollte er irgendwie keinen Riegel davor schieben, weswegen wir jedes Mal nur nicken, wenn sie sagt: »Aber den Bürgermeister müssen wir unbedingt noch einladen.«
Die Tür geht auf, und meine Mom steckt den Kopf herein. »Hey, AB. Bist du schon nervös?«
»Wieso sollte ich nervös sein? Ist ja nur meine verdammte Hochzeit!«
»Oh, seh schon«, erklärt sie, bevor sie zurück auf die Veranda tritt, dann wieder hereinkommt, während ich immer noch diese doofen Kugeln in die blöden Beutel stecke. Aber die Schleifen sind das, was mir wirklich das Genick bricht. Ganz besonders sogar.
»Wie findest du den?«
Ich will sie schon anfauchen, dass ich jetzt keine Zeit für irgendwelche Projekte habe, aber als ich den Blick hebe, fällt er auf den Brautstrauß, den Mom mir gemacht hat.
»Ohhh«, hauche ich, lasse die Kugeln Kugeln sein und trete auf sie zu.
Mom hat sowieso ein Händchen für Blumen, aber hier hat sie sich übertroffen.
Er ist atemberaubend.
Sie hat keinen ordentlichen Strauß gebunden, sondern einen wilden, bunten, überbordenden. Einen, der Lust aufs Leben macht und für das Wichtigste bei einer Hochzeit steht. Die Liebe. Deswegen machen wir das. Weil wir uns lieben.
Nicht, damit wir Schokokugeln in Beutel packen können.
»Wunderschön«, sage ich dann, rieche an einer der gefüllten Rosen, die sie verarbeitet hat. »Und riecht lecker.«
Mom hebt ihre Hand, streicht mir eine Strähne aus dem Gesicht. »Es soll ja auch der schönste Tag deines Lebens werden.«
Ich lache ein wenig spöttisch auf. »So fühlt es sich momentan nicht an.«
»Weil du dir so viel Stress machen lässt. Das ist gar nicht nötig.«
»Natürlich ist es das. Es soll schließlich für jeden schön werden.«
»Für wen jeden?«
»Für alle, die kommen.«
»AB, mein Liebling, alle, die dich lieben, werden glücklich sein, dass du die große Liebe deines Lebens heiratest. Und alle anderen zählen nicht.«
Ich seufze. »Sag das mal meiner Schwiegermutter in spe.«
»Oh, da kann ich auch ein Lied von singen«, scherzt sie, aber ich kann die Traurigkeit sehen, die sie immer umhüllt, wenn sie in irgendeiner Art und Weise von Dad spricht.
Dafür würde ich ihm am liebsten eine Stinkbombe durch den Zeitungsschlitz werfen … Für diesen Blick auf dem Gesicht meiner Mutter.
»Na ja, sie ist ja nicht ganz furchtbar.«
Mom lacht auf. »Dass du das mal über Mrs. Spelman sagen würdest!«
Ich zucke mit den Schultern. »Dinge ändern sich.«
Ich bin froh, dass sich die Beziehung zwischen Beckett und seiner Mom verbessert hat. Kein Kind sollte sich fragen müssen, wieso die eigene Mutter es nicht liebt.
Und sie ist auch eine gute Oma, das kann ich nicht anders sagen.
Aber unser Verhältnis … Sagen wir, es ist eine leicht angespannte Koexistenz.
Mom lächelt mich an, bevor sie meine Wange umfasst. »Mein großes Mädchen.«
Ich lache auf. »Wir sind doch schon lange groß.«
»Du meinst, ihr seid mir über den Kopf gewachsen, das ja, aber groß … Vorgestern hab ich euch noch auf dem Arm getragen.«
»Ein bisschen länger ist es schon her.«
»Drei, vier Tage vielleicht.« Dann umarmt sie mich. »Ich freu mich auf morgen.«
»Ich bin die in Weiß.«
Grinsend verabschiedet sich Mom.
Nach einem letzten Blick auf den schönsten Brautstrauß der Welt gehe ich zurück an den Tisch, um die letzten Beutelchen zu packen.
Ich wünschte, Beckett wäre da. Und Romy. Aber es bringt ja angeblich Pech, wenn man die letzte Nacht miteinander verbringt. Sagt das Schwiegermonst… Ich meine, Becketts Mom.
Aber ich persönlich denke, dass sie sich einfach freut, Sohn und Enkelin eine ganze Nacht bei sich zu haben. Das kommt so eigentlich nicht mehr vor, weil er die Nacht lieber in unserem Bett nebenan verbringt …
Vielleicht tut es ihr aber auch ganz gut. Schließlich macht sie immer noch den Eindruck, einsam zu sein …
Als ich im Bett liege und im Geiste alles durchgehe, was noch auf meiner To-do-Liste steht, klopft es plötzlich ans Fenster. Ich schrecke hoch, spüre mein Herz bis in den Hals schlagen. Da klopft es wieder.
Wer kann das sein?
»AB«, höre ich es rufen.
Ich verdrehe die Augen, stehe auf, gehe ans Fenster, schiebe es hoch.
Beckett grinst mich an.
»Ich dachte, es bringt Unglück.«
»Ist mir egal. Ich kann doch nicht ohne Gute-Nacht-Kuss einschlafen.«
Lachend beuge ich mich vor, drücke meine Lippen auf seine. »Du bist schamlos.«
»Bin ich wirklich.« Er umfasst mein Gesicht, küsst mich erneut. »Soll ich versuchen, reinzuklettern?«
»Du kannst auch die Tür nehmen.«
»Wie unromantisch.«
Dann höre ich Kichern.
Von Beckett? Irritiert sehe ich ihn an.
»Ich hab es auch gehört«, sagt er, schaut in die Richtung, bevor er auflacht. »Ah, die Mitchell-Mädchen kommen.«
Und wirklich. Meine Schwestern und Cousinen biegen kichernd – und psst-end – um die Ecke.
»O Mann, da ist uns jemand zuvor gekommen«, meint George, als sie Beckett sieht.
»Küss mich noch mal, AB, dann überlasse ich dich den fähigen Händen deiner Familie«, scherzt er.
Und das lasse ich mir ganz sicher nicht zweimal sagen. Ich küsse ihn unter dem Gejohle der anderen.
»Ladys«, sagt er dann, bevor er sich zurück zum Haus seiner Mutter schleicht.
»Bye, Beckette«, rufen sie ihm kichernd hinterher.
»Was macht ihr hier?«, frage ich.
Savannah hält einen Teller mit Kuchen hoch. George zwei Flaschen Champagner. Mae sagt: »Wir dachten, du kannst eh nicht schlafen …«
Und damit haben sie recht.
Ich öffne ihnen die Vordertür, und dann bevölkern sie meine Couch. Ich hole Gläser, Scarlett nimmt Kuchengabeln aus einer Schublade. Sie drückt meinen Arm. »Alles gut?«
»Alles gut«, bestätige ich.
Ich setze mich neben Mae und Belle, während George unsere Gläser füllt. Dann heben wir sie alle.
»Auf AB, die morgen ihre große Liebe heiratet«, sagt Scarlett.
Unter Gekicher stoßen wir an.
»Du hast doch aber nicht nur die beiden Flaschen dabei, oder?«, will Mae wissen, als sie das halbe Glas in einem Zug geleert hat.
»Hältst du mich für eine Anfängerin oder was?«
»Wollte nur sichergehen.« Sie grinst mich an. »Man hört doch ständig, dass Männer betrunken bei ihrer eigenen Hochzeit erscheinen. Vielleicht ist da was dran.«
Ich leere mein Glas, halte es George hin. »Also, ich will auf keinen Fall betrunken oder verkatert sein, weswegen ich maximal zwei Gläser trinke.«
»Dann musst du es dir besser einteilen«, scherzt Savannah.
Ich zucke mit den Schultern. »Oder drei.«
Das sorgt für Gelächter, und als ich mich umsehe, wird mir bewusst, dass ich das hier gebraucht habe. Sie. Meine Menschen.
Bei all dem Stress, den ich mir in den letzten Wochen gemacht habe – und der mir gemacht wurde –, habe ich halb vergessen, dass es doch mein Tag sein soll. Dass ich glücklich sein soll. Und Beckett auch.
Wenn man Stress hat, ist man manchmal so sehr gefangen, dass man nicht sieht, was die Lösung wäre. Manchmal ist sie so einfach. Manchmal ist die Lösung, dass man einen Abend mit seinen Schwestern und Cousinen braucht. Und wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich sie schon längst eingeladen.
»Könnt ihr euch vorstellen, dass AB morgen schon erwachsen ist?«, will Mae wissen.
Ich werfe ihr ein Kissen an den Kopf. »Wieso willst du mich beleidigen?«
»Also, wer sich so benimmt, ist ganz sicher nicht erwachsen«, kommentiert Scarlett.
»Danke!«, sage ich und proste ihr zu.
George zuckt mit den Schultern. »Ich glaub, Kinder machen einen erwachsen.« Sie grinst ihre Schwester an. »Du und Annabeth. Ihr seid beide die Erwachsensten hier.«
Ich schaue zu Savy, die nickt, und dann greifen wir uns Kissen, mit denen wir nach George schlagen, bis sie lachend aufgibt. »Ich ergebe mich! Gnade.«
Nur weil wir sie so sehr lieben, gewähren wir sie.
»Ich bin froh, dass ihr gekommen seid«, sage ich leise.
Mae drückt meine Hand. »Das hätten wir unter keinen Umständen verpassen wollen.«
»Das sollte sowieso Tradition sein. Den Vorabend der Hochzeit mit den besten Freundinnen verbringen«, sagt Belle und umarmt mich.
Wie viel Glück habe ich, dass ich sie habe?
Mom richtet meinen Schleier ein letztes Mal. Normalerweise geleitet einen der Vater zum Altar – was auch so eine dumme Tradition ist –, aber Mom war die meiste Zeit beides für uns und hat den Job auch noch besser gemacht, als mein Vater es jemals gekonnt hätte. Daher ist es nur richtig, dass sie mich hinbringt.
Ein leises Klopfen erinnert uns, dass es Zeit wird.
Sie blickt mich an, streicht über meine Wange. »Du bist wunderschön, mein kleines Mädchen.« Und dann laufen Tränen über ihre Wangen.
»Ach, Mom. Ich darf doch nicht weinen, weil sonst alles verschmiert. Aber dann darfst du auch nicht.« Und ist das die erste Träne, die sich löst?
»Sorry, sorry«, sagt sie schnell, sucht nach einem Taschentuch. »Ich reiße mich zusammen.«
»Musst du auch.«
Sie nickt, strafft die Schultern, reicht mir den Arm. »Dann komm. Wir rocken das.«
Statt meine Finger auf ihren Arm zu legen, greife ich nach ihrer Hand. Sie lächelt mich an, drückt sie, bevor wir den Raum verlassen und uns auf den Weg zum Trauort machen.
Eine Cousine von Beckett hat sich als Organisatorin angeboten, weswegen wir bei ihr stehen bleiben.
»Bereit?«, fragt sie.
Ich weiß es nicht, um ehrlich zu sein. Nicht, weil ich zweifele, aber es ist doch eine verdammt große Sache. Trotzdem nicke ich.
Sie schaut um die Ecke, gibt jemandem ein Zeichen, und als die ersten Klänge erschallen, gibt sie uns das Go.
Ich weiß nicht, wer wen fester umklammert hält. Ich Mom oder Mom mich. Aber ich bin so froh, dass ich diesen Weg nicht allein gehen muss. Dass sie bei mir ist. Dass sie immer bei mir ist.
»Danke«, flüstere ich. »Du bist die Beste.«
Und da weint sie schon wieder. »So was kannst du echt nicht sagen, AB …«
Als wir um die Ecke biegen, fällt mein Blick auf Beckett. Und alle Anspannung von mir.
Da ist er.
Er.
Die Liebe meines Lebens.
Mein Beckett.
Und auf einmal ist alles vollkommen klar. Vollkommen sicher. Absolut perfekt.
Als er dann auch noch lächelt …
Wie glücklich kann ein Mensch sein?
Als wir an unseren Gästen vorbeilaufen, kommt ein Mädchen aus der vordersten Reihe. Romy grinst mich an, hält mir beide Arme hin.
Janet murmelt: »Tut mir so leid«, will sie wieder auf den Stuhl setzen.
»Alles gut«, sage ich, hebe sie hoch, was sie mit einem Kuss auf meine Wange quittiert.
Unsere kleine Patchworkfamilie mag ungewöhnlich sein, aber sie ist verdammt perfekt. Ich lächele Janet an, bevor ich die letzten Schritte zu meinem Traummann gehe.
»Endlich«, flüstert er heiser, als ich bei ihm ankomme.
Ich lächele ihn an. »Endlich.«
