Bonusszene Tara

Jayden

Es war ein Scheißtag. Nichts ist gelaufen, wie es sollte. Erst war es auf der Arbeit ätzend, weil jemand einen Fehler begangen hat, der eigentlich nicht hätte gemacht werden sollen. Aber anstatt ihn einfach zu beheben, haben sich die Beteiligten in Schuldzuweisungen verstrickt, die ausgeartet sind, sodass alles länger gedauert hat, als einfach das Problem zu lösen.

Dann wollte ich mich eigentlich mit meiner Schwester treffen, aber sie hat kurzfristig abgesagt, weil ihre Liebste einen Tag früher von ihrer Geschäftsreise gekommen ist. Was ich irgendwie verstehen kann, aber dann musste sie das meinen Eltern sagen, die daraufhin meinten, ich könnte doch mal bei unserer Großmutter vorbeigehen. Sie wäre doch so einsam.

Dabei habe ich ein gespaltenes Verhältnis zu ihr. Weil sie die Liebe meiner Schwester ablehnt – und somit auch sie. Ja, sie ist alt, aber das kann ja auch nicht alles entschuldigen. Als guter Sohn einer amerikanisch-asiatischen Familie kümmere ich mich natürlich trotzdem. Wenn auch mit der Faust in der Tasche.

Aber es ist anstrengend. Viel zu sehr.

Seufzend betrete ich das Juicy’s, die heißeste Bar in San Francisco, und ein ganz besonders guter Ort, um Frauen aufzureißen. Dabei hatte ich in letzter Zeit gar nicht so sehr das Bedürfnis, hatte eine Pause eingelegt. Aber heute schreit nach ein wenig Spaß.

Ich begrüße ein paar lose Bekanntschaften, bevor ich mich zur Bar durchschlängele.

Gewohnheitsmäßig lasse ich meinen Blick schweifen, bis er auf einer zierlichen, dunkelhaarigen Frau landet, die allein dort sitzt. Hm. Vielleicht …

Ein paar Minuten beobachte ich sie, nicht auf die ekelige Art, nur um zu wissen, ob ihr Partner, ihr Date oder wer auch immer zurückkommt, aber sie bleibt allein. Als sie sich leicht dreht, sehe ich ihr Gesicht, und irgendwas in mir sagt, dass ich sie kennenlernen muss. Muss.

Ich setze mich in Bewegung, schaffe es irgendwie, neben ihr einen Platz zu ergattern. »Hey.«

Sie reagiert nicht, scheint versunken in ihren eigenen Gedanken.

»Hey«, wiederhole ich, und sie sieht auf.

Ihre grün-blauen Augen sind erst ein wenig fragend, bevor sie zu Interesse wechseln, und ich hoffe, dass meine dasselbe aussagen.

Betont langsam lässt sie ihren Blick über mich schweifen. Eindeutig interessiert, weswegen ich grinse, als sie mir schließlich in die Augen sieht.

»Hey«, sagt sie ebenfalls.

Ah. Der Ball liegt also wieder in meiner Hälfte. Als sie dann an ihrem Strohhalm saugt, wird mir bewusst, dass das hier auch jemand ist, der das Spiel beherrscht. Umso besser.

»Kann ich dich auf einen Drink einladen?«

Sie wirft ihre Haare zurück und sagt: »Okay.«

Grinsend frage ich sie: »Was trinkst du?«

»Ihm, einen Mojito.«

Ich bemühe mich, den Barkeeper auf mich aufmerksam zu machen, allerdings sieht er mich offensichtlich nicht. Ich hebe die Hand, lege sogar meine Kreditkarte auf den Tresen, um ihm zu signalisieren, dass ich etwas bestellen möchte. Aber auch, wenn er mehrmals in meine Richtung blickt, scheint er das nicht zu realisieren. Oder ignoriert er mich?

»Wieso beachtet mich dieser Barkeeper nicht?«, frage ich.

Sie zuckt mit den Schultern. »Soll ich es mal versuchen?«

Vielleicht gibt es Männer, die sich dadurch in ihrem Stolz verletzt fühlen, aber das gilt nicht für mich, weswegen ich sie angrinse und sage: »Wenn du magst.«

»Finn!«, ruft sie dann.

Sofort schaut der Barkeeper zu ihr, sieht dann aber ein wenig mürrisch aus. Hm. Ist das ihr Freund? Ihr Mann? Jemand, der auf sie steht? Würde mich nicht wundern, weil sie wirklich schön ist. Aber das sind viele. Nein, sie hat auch noch irgendwas an sich, das sie so anziehend macht, wie kaum jemanden, den ich bisher kennengelernt habe.

»Was kann ich euch bringen?«, fragt der Barkeeper schließlich, als er sich zu uns bewegt hat.

Sie deutet auf mich, und ich beeile mich zu sagen: »Wir hätten gern noch ein Glas Wein und einen Mojito.«

Er sieht mich an, als wäre ich ein Insekt, das man zerquetschen muss. Er will was sagen, aber die Frau sagt: »Lass es.« Und dann: »Ich mein es ernst.«

Es läuft eine ganze stumme Unterhaltung ab, von der ich kein Wort mitbekomme.

»Wenn du den Scheiß nicht sein lässt, erzähl ich rum, dass du drei Brustwarzen hast. Dann werden wir mal sehen, ob all diese Frauen noch Bock haben, heute Nacht mit dir in die Kiste zu steigen.«

Ich grinse leicht. Ah, wohl eher ein Bruder oder ein anderer männlicher Verwandter, der sich gezwungen fühlt, ihre Ehre zu verteidigen.

Statt mich anzufunkeln, sieht er jetzt zu ihr. »Du bist so ein Monster.«

Das bringt sie nur zum Lachen. »Man tut, was man kann.«

Dann schmunzelt der Riese. »Fein. Einen Wein und einen Mojito.«

Obwohl ich das Gefühl habe, dass es ein Verwandter sein muss, frage ich: »Muss ich mir da Gedanken machen? Bin ich hier zufällig jemandem auf die Füße getreten?«

Sie schüttelt den Kopf. »Das ist mein Cousin. Er denkt immer, er müsste mich beschützen.«

Amüsiert blicke ich sie an. »Und er denkt, du brauchst Schutz vor mir?«

»Brauch ich das?«, fragt sie zurück.

Der Barkeeper stellt die Getränke vor uns und verzieht sich dann schnell wieder, weil andere Gäste seine Dienste wünschen.

Ich hebe mein Glas hoch, proste ihr zu. »Ich bin übrigens Jayden.«

»Ich bin Tara.« Tara … Ein schöner Name. Er gefällt mir genauso gut wie ihr Äußeres.

»Um auf deine Frage zurückzukommen … Ich denke nicht, dass du Schutz brauchst.«

Sie will erst etwas sagen, bevor sie stutzt. Sie kräuselt ein wenig die Stirn, bevor sie scherzt: »Als Nächstes erzählst du mir, du wärst Jayden Yi.«

Wirklich eine Frau, die das Spiel kennt, sonst würde sie diesen Namen nicht kennen. Meinen Namen. »Ist der nicht so was wie eine urbane Legende?«, frage ich ausweichend.

»Davon geh ich auch aus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass all das wahr sein soll.«

»Kennst du die Geschichte, dass er alle Cheerleader der 49ers vernascht haben soll?« Gelogen. Oder vielleicht nur, weil sie eine hohe Wechselquote haben und ich daher unmöglich hinterherkommen kann.

Sie sieht mich vergnügt an. »Ehrlich? Wow, voll der Held. Kennst du die Geschichte, dass er mal mit einer Mutter und einer Tochter gleichzeitig Sex hatte?«

Diese Geschichte habe ich auch schon über mich gehört, aber auch sie ist nicht wahr. Neunzig Prozent aller Gerüchte über mich sind es nicht. Das Einzige, das stimmt, ist, dass ich gern und oft Sex habe. Normalerweise. Erst in der letzten Zeit ist das ein wenig abgeflaut. Aber weil ich das Spiel lustig finde, behaupte ich: »Ich glaub, die Oma war auch dabei.«

»Denkst du? Krasser Kerl.«

»Das sowieso. Kennst du die Geschichte, dass sein Schwanz so groß ist wie ein Baseballschläger?«

»Autsch«, meint sie. »Das macht doch keinen Spaß.«

»Nicht? Ich dachte, alle Frauen wären scharf auf Pferdeschwänze.«

»Nur die, die man mit den Haaren binden kann.« Sie lacht mich an.

»Hey, ich kann mir auch einen Pferdeschwanz binden.« Eilig nehme ich die Haare zusammen, die länger sind.

»Entschuldige mal, aber das ist ein bisschen jämmerlich.«

»Jämmerlich?« Ich reiße die Augen auf.

»Ja, jämmerlich. Damit kann man nicht hausieren gehen.«

»Das ist also nicht damit gemeint, wenn man einen Pferdeschwanz hat?«, scherze ich.

»Nein, ganz und gar nicht.«

»Ich hab übrigens auch gehört, dass Jayden mal achtundvierzig Stunden am Stück gevögelt hat.« Wieso macht es solchen Spaß, unwahre Geschichten über mich zu erzählen?

»Achtundvierzig Stunden? Ohne zu kommen?«

»Ich schätze, ja. Er hat halt Stehkraft.« Die habe ich wirklich. Das Erste, was eindeutig wahr ist.

»Mit einer Frau oder mit mehreren?«

Lachend zucke ich mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ich glaub, Frauen wurden gar nicht erwähnt.«

»Mit einem Mann?«

Also, jetzt ist sie eindeutig auf der falschen Fährte. Es zieht mich schon ausschließlich zum weiblichen Geschlecht. »Wer weiß?«

»Also ich muss sagen, dass ich achtundvierzig Stunden Sex schon echt hart finde.«

»Echt? Was wäre für dich so in Ordnung? Zehn Sekunden?«

Das bringt sie zum Lachen. »Also, das kommt mir ein bisschen wenig vor. Aber, keine Ahnung, kannst du nicht länger?«

Vielleicht würden sich andere angegriffen fühlen, aber irgendwie macht mir dieses Gespräch gerade total viel Spaß. »Na ja, vielleicht fünfzehn.«

»Wenigstens bist du da realistisch.«

»Hey, ich lebe nach dem Motto, dass man lieber weniger versprechen sollte, dann kann man nur beeindrucken.« Ich hoffe wirklich, dass sie meine Scherze nicht für bare Münze nimmt. Dann wäre sie wahrscheinlich wenig angetan, und ich hätte meine Chancen verspielt. Nicht, dass ich unbedingt mehr erwarte …

»Das bedeutet, wenn du dann zwanzig Sekunden durchhältst, wäre ich superüberrascht?«

Ich beuge mich zu ihr, sage augenzwinkernd: »Manchmal schaff ich sogar dreißig.«

»Wow! Skandal!«

Lachend greife ich nach meinem Weinglas. »Aber erzähl das bloß nicht rum. Ich möchte eher nicht, dass sich andere Männer unter Druck gesetzt fühlen.«

»Sex mit dir wären also die besten dreißig Sekunden meines Lebens?«

Ich nicke langsam, voller Gravitas. »Die allerbesten dreißig Sekunden. Darunter mach ich es nicht.«

»Okay, gehen wir zu dir oder zu mir?«, fragt sie grinsend.

Das war ja leicht. Ein paar selbstironische Sprüche, und schon habe ich sie für mich gewonnen. »Wow, ich glaub, du bist die erste Frau, die von einer halben Minute beeindruckt ist.«

»Weißt du, ich hab schon Schlimmeres erlebt.«

Und das finde ich jetzt doch interessanter, als sie sofort mit nach Hause zu nehmen, weswegen ich frage: »Was denn zum Beispiel?«

Sie trinkt einen Schluck ihres Mojitos, bevor sie sagt: »Also, da war dieser eine Mann, der mich gevögelt hat wie ein Roboter.«

»Wie kann ich mir das vorstellen?«, frage ich neugierig.

»Nun ja, jede Bewegung war so mechanisch, so … Keine Ahnung, irgendwie steril. Ich mein, man sollte sich schon ein bisschen bewegen und unterschiedliche Moves haben und was weiß ich. Aber der, der hat immer nur im gleichen Winkel, in der gleichen Intensität und in der gleichen Schnelligkeit in mich gestoßen, hatte dabei die Hände auch immer nur an der gleichen Stelle und … Na ja. Irgendwie hab ich mich gefühlt, als wär ich von einem Roboter gefickt worden. Jemand hat dieses Programm so eingegeben und daran hat er sich immer gehalten.«

Ich habe nicht allzu oft die Gelegenheit, mich mit Frauen über ihre Erfahrungen mit Männern auszutauschen. Meine Schwester wäre die naheliegendste Person, aber sie spielt fürs andere Team, weswegen sie ausscheidet. Vielleicht liegt es daran, dass ich dieses Gespräch genieße. »Autsch. Das hört sich nicht gerade beeindruckend an.«

»Ganz und gar nicht. Was hast du schon für Pleiten, Pech und Pannen erlebt?«

»Na gut, dann unterhalten wir uns eben darüber.« Ich trinke einen Schluck, denke über all die nicht ganz so tollen Momente nach, die ich bereits erlebt habe. »Lass mich überlegen. Pleiten, Pech und Pannen. Also da war diese Frau, die total sympathisch war, wir haben viel erzählt und irgendwie geklickt. Und dann bin ich mit ihr nach Hause gegangen und kurz vor ihrer Haustür hatten wir den allerersten Kuss. Und ich mein, erste Küsse sind nicht unbedingt immer supergroßartig, wenn man aufgeregt ist und wenn man’s gut machen will und so. Aber dieser Kuss war … Mir fehlt da total die Beschreibung für. Jedenfalls hat sie wohl gedacht, es wär superleidenschaftlich, aber im Grunde hat sie mir mein ganzes Gesicht abgeleckt. Und irgendwie hatte ich dann keinen Bock mehr auf mehr.«

»Ja, so Schlabberer gibt es echt viele. Das hab ich auch schon erlebt. Ich mein, so ein bisschen um die Lippen lecken ist vielleicht okay, aber ich möchte mich danach nicht fühlen, als wär ich von einem Bernhardiner abgeschleckt worden.«

Ich nicke amüsiert, bevor ich sage: »Ja, genau das. So war es. Erzähl mir mehr von deinen Katastrophen.«

»Bei mir gab es auch diese typischen Dinge. Der Klassiker zum Beispiel: Kerle, die behaupten, sie hätten dreiundzwanzig Zentimeter in der Hose, und zwar echte. Und dann zieht man sie aus und denkt sich: Das ist eher durchschnittlich.«

»So wie bei dem berühmten Jayden mit dem Baseballschläger«, werfe ich ein.

»Du scheinst ein bisschen besessen von seiner Schwanzgröße zu sein«, zieht sie mich auf. Und wenn sie damit mal nicht den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Mein Schwanz ist mir schon wichtig. Nicht die konkreten Zentimeter, aber die Tatsache, dass ich einen habe.

»Hey, ich bin ein Kerl. Wir sind die ganze Zeit von Schwanzlängen besessen. Unserer eigenen und wie sie im Vergleich zu anderen ist.«

»Und wie, würdest du sagen, ist deine im Vergleich zu einem Baseballschläger?«

Ist es zu früh, wenn ich sage, dass sie die lustigste Gesprächspartnerin ist, die ich je hatte? »Definitiv kleiner und dünner und kürzer.«

»Ich glaub, du bist der erste Mann, der zugibt, dass sein Schwanz kleiner ist.« Sie prostet mir zu.

»Hey, nur im Verhältnis zu einem Baseballschläger«, beeile ich mich, klarzustellen. Ich bin ja durchaus bereit, mich ein wenig durch den Kakao ziehen zu lassen, aber ich will mir meine Chancen auch ganz sicher nicht verderben. »Den Rest musst du selbst rausfinden.«

»Also sagst du mir nicht, dass du dreiundzwanzig Zentimeter in der Hose hast?«

Ich mag ihre Direktheit. Sie ist erfrischend. Und vielleicht brauche ich so etwas gerade. »Ich bin nicht so der Angeber.«

»Man gibt nicht an, wenn es Fakt ist.«

»Das ist natürlich auch wieder wahr. Aber nun ja, wie ich schon sagte: Ich versprech lieber weniger und überrasche dann.« Ich zwinkere ihr dabei zu, als würde ich scherzen, aber das ist wirklich mein Credo. Angeben kann ja jeder.

»Ich glaub, das ist eine sehr gute Taktik, außer natürlich, wenn du sagen musst, dass du nur ein Cornichon in der Hose hast, weil die Realität vernachlässigbar ist.« Sie lacht ein wenig dämonisch, und auch das finde ich anziehend. Wurde diese Frau genau für mich gemacht?

»Touché. Das wär ziemlich kontraproduktiv, denn ich schätze, dass Frauen schon irgendwie auf Größe stehen, auch wenn sie es nicht unbedingt zugeben wollen. Oder?« Mal sehen, ob sie auf diese Frage, die sich jeder Mann wohl schon mal gestellt hat, auch so ehrlich antwortet, wie die ganze Zeit zuvor.

Sie wiegt den Kopf hin und her. »Größe ist schon wichtig, aber zum einen hat jede Frau eine unterschiedliche Präferenz und einen unterschiedlichen Körper, weswegen natürlich auch unterschiedliche Größen perfekt dazu passen. Und zweitens hab ich bisher gelernt, dass die meisten Männer, die sehr gut ausgestattet sind, sich eben auf ihre Größe verlassen und keine weitere Finesse vorhanden ist. Dagegen haben Männer mit kleineren Modellen mehr drauf. Sie haben gelernt, mit dem umzugehen, was sie haben. Und das inkludiert ja nicht nur den Schwanz, sondern auch Hände und Zunge und Mund und den ganzen Körper. Deswegen, klar, Größe ist zu einem gewissen Teil wichtig, aber viel wichtiger ist, dass man mit dem umgehen kann, was man hat. Und ehrlich, dann ist auch ein kleinerer Schwanz interessanter als irgendein Pferdeschwanz.«

Ich lache auf. »Ich find es bemerkenswert, dass Frauen das immer behaupten. Dass die Technik so viel wichtiger sei als die Größe. Aber ich hab noch keine Frau erlebt, die gesagt hat: Oh, geil, du hast einen kleinen Schwanz.«

»Also bist du doch ganz gut ausgestattet?« Sie sieht mich herausfordernd an.

Ich mag’s. Oje. Wieso macht es so viel Spaß mit ihr? »Kein Kommentar.«

»Wir reden auch nicht von klein. Obwohl ich denke, dass man mit einem kleinen Schwanz auch immer noch viel machen kann, ist eine gewisse Grundgröße doch angenehmer.«

»Aber nicht zu groß?«

»Ich würd sagen, durchschnittlich ist voll in Ordnung.«

»Was machen Männer, die sehr kleine Penisse haben?« Das will ich nur der Vollständigkeit halber wissen. Ich bin durchaus zufrieden mit allem, was ich in der Hose habe.

»Die haben ja auch noch Mund und Finger und Zunge und hoffentlich viel Fantasie. Und ganz ehrlich, es gibt ja auch noch Spielzeug. Also ich finde, Männer machen viel zu viel von der Schwanzgröße abhängig. Ich mein, ihr seid davon besessen.«

»Natürlich sind wir davon besessen. Das wärst du auch, wenn die Gesellschaft dir im Endeffekt erzählt, dass du allein dafür verantwortlich bist, tollen Sex zu kreieren. Immerhin gibt es den Begriff schlechter Liebhaber, aber es gibt kaum jemanden, der von einer schlechten Liebhaberin spricht.« Ich sehe sie interessiert an.

»Ja, aber das ist ja auch gesellschaftlich so angelegt, indem man sagt, dass Frauen eben der passive Teil beim Sex sein sollen.«

»Und du? Bist du der Aktive?« Neugier scheint mein zweiter Vorname zu sein.

Sie zuckt mit den Schultern. »Ich hab da keine Präferenz. Aktiv oder passiv oder dominant oder was auch immer. Ich will eine gute Zeit haben. Und wenn ich merke, dass der Mann mir ohne mein Zutun eine gute Zeit verschaffen kann, dann geil. Aber wenn ich merke, dass ich dabei mithelfen muss, damit wir beide eine gute Zeit haben, dann ist es auch in Ordnung. Ich bin da nicht festgelegt. Ich mein, klar werde ich gern verwöhnt, aber ich tu es auch gern.«

Ich nicke, weil ich auch nicht festgelegt bin. Ich kann eine Frau vor mir auf die Knie bringen oder mich reiten lassen, damit sie ihren Spaß hat. Hauptsache, wir beide fühlen uns damit wohl. »Das find ich eine gute Einstellung. Ich denk halt auch nicht, dass nur der Mann dafür verantwortlich ist, den Sex gut zu machen, sondern dass beide dieses Anliegen teilen sollten.«

»Gut definiert auch jeder selbst. Für manche ist ein langes Vorspiel mit viel oraler Action das Nonplusultra. Andere kommen lieber schnell zur Sache. Manche mögen Zunge und manche mögen Finger. Ich denke, dass immer zwei dazugehören, oder wie viele auch immer, um es für beide aufregend zu machen. Aber wenn zwei oder mehr daran teilnehmen, wieso sollte dann eine Person dafür verantwortlich sein, dass es gut wird? Und klar, es gibt bestimmt viele Männer, die dominant sind, und viele Frauen, die das mögen. Das ist auch vollkommen in Ordnung. Aber selbst dann sind ja beide daran beteiligt. Auch wenn der Mann es mag, wenn die Frau passiv ist, heißt es ja nicht, dass sie dann nur rumliegt, sondern sie stöhnt oder was auch immer, um zu zeigen, dass es gut ist. Und das macht es ja für ihn auch gut.«

Und irgendwie habe ich jetzt doch Lust, sie mit nach Hause zu nehmen … »Möchtest du noch was trinken?«

»Bei mir oder bei dir?«

Wie schön, dass wir das ähnlich sehen. »Wie es für dich besser ist.«

»Ich geh lieber, statt jemanden rauswerfen zu müssen.«

»Verstehe. Ein Half-Night-Stand.«

»Nennt man das so? Ich dachte immer, es wäre ein One-Night-Stand.«

»Technisch gesehen ist es ja keine ganze Nacht, wenn du darüber nachdenkst, nach dem Sex abzuhauen.«

»Die Kids von heute …« Sie schüttelt lachend den Kopf.

Lachend stehe ich auf. »Als wärst du eine weise alte Frau.«

»Wenn der Schuh passt.«

Und irgendwie kann ich es kaum erwarten, noch mehr von dieser Frau zu erfahren. Mit Worten. Mit meinen Fingern. Mit meinem Mund. Tief in mir sagt etwas, dass sie die eine Frau ist, die mich überraschen wird … Mich, Jayden Yi, die urbane Legende …