Bonuszene Ein Hufschmied für Sutton
Ace
Fünf Jahre später
»Noch fünf Minuten«, murmele ich, als ich Bewegung neben mir im Bett fühle.
Sutton quittiert mein Flehen mit einem amüsierten Laut, bevor sie aufsteht und ins Bad geht.
Ich weiß nicht, wieso ich es jeden Morgen wieder versuche, aber Sutton lässt sich nicht erweichen. Sie ist einfach so verantwortungsbewusst, dass sie in den fünf Jahren, die wir jetzt schon das Bett teilen, noch nicht einmal beim Wecker auf Snooze gedrückt hat. Wobei ich auch annehme, dass sie den Wecker gar nicht braucht, um aufzustehen.
Mein Arbeitstag fängt noch nicht an, weswegen ich durchaus ausschlafen könnte, aber als ich mich für diese Frau entschieden habe, habe ich mich gleichzeitig auch für dieses Leben entschieden. Und dieses Leben auf einer Ranch funktioniert nur, wenn alle an einem Strick ziehen.
Deswegen stehe ich auch auf. Grummelnd, aber ich tue es trotzdem.
Sutton verlässt das Badezimmer, drückt einen Kuss auf meine Lippen, den ich gerne auskosten würde, aber ich glaube nicht, dass ich ihr mit meinem Drachenatem kommen muss.
Seufzend gehe ich ins Bad, putze mir die Zähne, nehme eine kurze Dusche, bevor ich in meine Jeans und ein T-Shirt schlüpfe.
Unten angekommen steht bereits Frühstück auf dem Tisch. Kaffee, ohne den auf einer Ranch ganz sicher gar nichts geht, ebenso wie ein paar Sandwiches. Ich fülle eine Tasse mit dem flüssigen Gold, klemme mir ein Brot zwischen die Zähne und versuche dann, ohne auch nur einen Tropfen zu verschütten, in meine Stiefel zu steigen.
Dann trete ich auf die Veranda, atme die kühle Luft ein.
Noch hält sich der Sommer mit Hitze zurück. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir alle zerfließen, aber noch ist es nicht so weit.
Ich folge Sutton in den Stall, wo sie angefangen hat, das Futter für die Pferde in die einzelnen Eimer zu füllen. Ich stelle meine Tasse ab, schlinge meine Arme um ihre Taille und vergrabe meinen Kopf an ihrer Schulter. Dann stöhne ich, als würde die Last der Welt auf meinen Schultern liegen.
Sie lacht auf. »Niemand verlangt von dir, so früh aufzustehen.«
»Der Gentleman-Kodex verlangt es.«
»Also, wenn irgendein Kodex von mir etwas verlangen würde, was mir so unglaublich schwer fällt, würde ich den verbrennen.«
Ich drücke einen Kuss auf ihren Hals. Dann schüttele ich den Kopf. »Das geht nicht. Schließlich will ich ein Gentleman sein.«
Sie wiegt den Kopf hin und her. »An anderer Stelle ist dir das auch nicht so wichtig.«
»Hey, an was für einer Stelle nicht?«, frage ich empört.
»Naja, ich bin mir ziemlich sicher, dass ein Gentleman das nicht unbedingt machen würde, was du letzte Nacht mit mir gemacht hast.«
Ich ziehe sie an mich. »Da bin ich mir keiner Schuld bewusst.«
Sie dreht sich in meinen Armen, vergräbt ihre Finger in meinem Nacken. »Siehst du? Das unterstreicht mein Argument nur noch.«
Ich drücke meine Lippen auf ihre. »Was steht heute auf dem Plan?«
»Wir müssen die Pumpe auf der Bench-Weide checken, die Longhorns dorthin treiben und dann nach der Herde schauen.«
»Sollen wir uns aufteilen?«
»Gute Idee. Wenn du die Pumpe übernehmen könntest, wäre das großartig. Dann schaue ich nach der Herde. Und wenn du dann noch Zeit hast, könnten wir zusammen die Longhorns umsiedeln. Wann hast du deinen ersten Termin?«
»Um neun.«
Sie streichelt sanft meinen Nacken. »Dann wird es wahrscheinlich ein bisschen knapp mit dem Viehtrieb. Aber Chase und ich kriegen das schon hin.«
»Davon bin ich überzeugt.« Ich drücke einen Kuss auf ihre Nasenspitze. »Ich werde wahrscheinlich nicht vor heute Abend zurück sein. Ich bin auf der Jung Ranch eine Weile beschäftigt, dann fahr ich zu den Laramis, und dann hab ich dem alten Mr. Wilson versprochen, mit ihm an seinem Wagen zu basteln.«
»Ich hab keine Ahnung, wieso ihr nicht einfach aufgebt. Den Schrotthaufen erweckst du doch nicht mehr zum Leben.«
Ich zucke mit den Schultern. »Ich glaub, das ist auch gar nicht der Punkt.«
»Der Weg ist das Ziel?«
»Sowas in der Art.«
Sie lächelt. »Denk dran, dass wir Kayla heute Abend noch in der Scheune helfen wollen.«
Ich nicke, und bemühe mich, dabei ganz und gar nicht verdächtig zu wirken. Was einem zertifiziertem Quatschkopf wie mir durchaus schwerfällt.
Was anfangs vielleicht von vielen belächelt wurde, ist mittlerweile ein Erfolg geworden. Im Sommer ist Kaylas Scheune jedes Wochenende ausgebucht. Offensichtlich zieht es vor allen Dingen Paare aus den Ballungszentren für ihre Hochzeit auf eine echte Ranch. So können sie sich wahrscheinlich einreden, dass sie echte Texaner sind.
»Vergesse ich natürlich nicht. Schließlich will ich es mir nicht mit Kayla verscherzen.«
Sutton lacht auf. »Das ist wahrscheinlich auch besser so.«
»Dann los.« Ich küsse sie noch einmal, bevor ich zu meinem Wagen gehe, um zur Bench-Weide zu fahren und die Pumpe zu überprüfen.
***
»Bist du sicher, dass alles organisiert ist?«, will ich wissen, als ich mittags bei Kayla anrufe.
Ich kann das Augenverdrehen förmlich hören. »Natürlich ist alles vorbereitet, schließlich hab ich mich selbst darum gekümmert.«
»Ich will nur nicht, dass irgendetwas schiefgeht.«
»Das Einzige, das schiefgehen könnte«, erklärt sie, »ist, dass ich dir vorher noch den Hals umdrehe.«
»Ich glaub, dass du deine Schwester damit sehr traurig machen würdest.«
»Sie wird früher oder später drüber hinwegkommen.«
»Autsch, du bist ja heute wieder gnadenlos«, scherze ich.
Sie lacht auf. »Ich mach nur Spaß. Es ist wirklich alles bereit, und sie wird sich mit Sicherheit freuen.«
»Meinst du?«
»Kommen dir Zweifel?«
»Mir nicht, ich zweifle nur, ob sie Zweifel haben könnte.«
Sie grinst fröhlich. »Ich glaub, dass sie die nicht hat. Aus irgendeinem unverständlichen Grund liebt sie dich.«
»Unverständlich? Hey, ich bin doch der Charme in Person.«
»Ja, klar.«
»Wenn du so weitermachst, muss ich noch annehmen, dass ich nicht dein Lieblingsschwager in spe bin.«
Sie sagt kein Wort.
»Autsch. Ihr Briscoe-Mädels seid doch alle gleich. Immer mitten ins Herz.«
»So sind wir.«
Nachdem ich mich ein weiteres Mal davon überzeugt habe, dass wirklich alles fertig ist, lege ich auf, fahre zum alten Mr. Wilson und versuche, meine Nervosität damit zu zähmen, indem ich an dem alten Truck rumschraube. Aber so ganz scheint mir das nicht zu gelingen.
***
Ich schreibe Sutton eine Nachricht, dass ich es nicht schaffe, vorher auf der Sunshine Ranch vorbeizukommen, und dass wir uns an der Scheune treffen. Früher hätte sie diese Nachricht gar nicht bekommen, aber vor ein paar Jahren wurde ein weiterer Funkturm aufgestellt, der dafür sorgt, dass auf der Ranch mehr Empfang ist. Wir alle waren ein wenig wehmütig, als diese Neuerung eintrat, denn wie romantisch ist es doch, in dieser hochtechnisierten Welt einen Ort zu haben, an dem man auf den Hügel hinterm Haus klettern muss, um überhaupt ein Gespräch führen zu können?
Allerdings hat es eindeutig Vorteile. Sonst hätte ich Sutton anrufen müssen, und dann hätte ich mich wahrscheinlich verraten. Weil, seien wir mal ehrlich, ich einfach ein absoluter Quatschkopf bin. Und das verträgt sich mit Geheimnissen ganz und gar nicht.
Ich parke den Truck hinter der Scheune, steige aus und suche nach Kayla, die schon hier sein sollte.
Ich betrete die Scheune, sehe mich um. Wo ist sie denn? Ich wusste doch, dass sie es nicht so wichtig nehmen würde wie ich.
Auf der anderen Seite des großen Raums geht die Tür auf, und Kayla tritt ein.
»Gott sei Dank«, murmele ich.
Sie schüttelt amüsiert den Kopf. »Hey, entspann dich mal.«
»Wie soll ich mich denn entspannen, wenn ich der Liebe meines Lebens einen Antrag machen will?«
»Du hast Sutton aber doch schon mal getroffen, oder?«, scherzt sie. »Du weißt ganz genau, dass sie nicht auf solchen Kram steht.«
Ich winke ab. »Hauptsache, sie sagt ja.«
»Das wird sie.« Meine zukünftige Schwägerin – hoffentlich! – lächelt mich an.
»Hat Chase die Longhorns hergebracht?«
»Hat er. Sie stehen bereit.«
Aus irgendeinem Grund sind meine Hände heute ziemlich zittrig, was schon dafür gesorgt hat, dass mir diverse Schrauben aus der Hand gefallen sind. Auch beim Beschlagen der Hufe musste ich das ein oder andere Mal fluchen, weil ich einfach unglaublich tollpatschig war.
»Ich bin echt nervös«, gebe ich zu.
»Du zweifelst aber doch nicht wirklich an ihre Antwort?«
»Nein. Oder doch?«
Sie lacht auf. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass du dir keine Sorgen machen musst.«
»Hundertprozentig sicher wäre mir bei weitem lieber.«
»Hundert Prozent kann ich nicht garantieren, denn dann könntest du mich ja haftbar machen.«
Ich kneife die Augen zusammen. »Du bist also nicht hundertprozentig sicher?«
»Sorry, Haftungsrisiko.«
Ich schüttele den Kopf. »Du bist total unmöglich.«
Sie will noch etwas sagen, aber dann heult ein Motor auf. »Das hört sich doch nach einem Quad an.«
Wir treten an die Tür, schauen nach draußen, und da kommt Sutton.
Kayla stupst mich an. »Bleib du hier, ich sag Chase Bescheid, dass er die Rinder um die Scheune treiben soll.«
Sie eilt durch den Raum, während ich spüre, wie mein Herz schneller zu klopfen beginnt.
Sutton steigt von der Maschine, nimmt den Helm ab, sieht sich um. Sie fragt sich gerade eindeutig, wo denn alle sind.
Ich vernehme ein tiefes Muhen und weiß, dass die Longhorns gleich um die Ecke auftauchen müssen.
Sutton hat es ebenfalls gehört, dreht sich in die Richtung. Und dann sagt sie perplex: »Wie kommen die denn hierher?«
Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, weil ich natürlich gehofft habe, dass sie sich wundern würde.
»Mist«, sagt sie. »Kayla wird mich umbringen.«
Dann runzelt sie die Stirn.
»Was zum Teufel …?«
Das ist mein Stichwort. Ich trete aus der Tür, schaue zu den Tieren, die teilweise ein Schild auf ihren Flanken erkennen lassen.
»Was ist hier los?«
Ich trete neben Sutton und sage: »Also, für mich sieht das so aus, als müsstest du die Tiere in die richtige Reihenfolge bringen.«
Sie sieht mich überrascht an. »Was meinst du damit, in die richtige Reihenfolge bringen?«
Ich grinse sie an. »Ich würde ja mal anfangen, die Rinder zu ordnen.«
Sie sieht mich zwar fragend an, beginnt dann aber, die Tiere alle mit dem Buchstaben nach vorne zu stellen. Zwölf Rinder für zwölf Buchstaben. Naja, für elf Buchstaben und ein Leerzeichen.
Sie probiert ein bisschen rum, bevor sie dann sagt: »Kannst du mir wenigstens sagen, mit welchem Buchstaben ich anfangen muss?«
»Wo ist denn da der Spaß?«
»Sehe ich aus, als hätte ich Spaß?«
»Wo ist denn da mein Spaß?«, ergänze ich.
Sie verdreht die Augen, was ich herzallerliebst finde.
Und dann bleibt sie plötzlich abrupt stehen. Ihre Schultern heben sich, bevor sie nach unten fallen. Dann dreht sie sich ungläubig um.
»Soll das heißen, was ich denke, dass es heißt?«, flüstert sie ein wenig heiser.
Ich verschränke die Arme vor der Brust. »Keine Ahnung, ob du der englischen Sprache nicht mächtig bist, aber meiner Meinung nach hat Mich Rate Hei überhaupt keine Bedeutung.«
Sie dreht sich noch einmal um, als wollte sie sich vergewissern, dass sie die richtige Antwort hat. Eilig ziehe ich das kleine Samtkästchen aus der Hosentasche und knie mich hin.
Als sie sich jetzt wieder umdreht, schlägt sie die Hände vors Gesicht. Und ich bin mir nicht sicher, ob das ein gutes Zeichen ist …
Langsam kommt sie auf mich zu.
»Eigentlich wollte ich dir ganz andere Worte sagen, aber du lässt mir keine andere Wahl. Mich Rate Hei, Sutton.«
Sie lacht auf. »Ich glaube, du bist der englischen Sprache nicht mächtig.«
Ich zucke mit den Schultern. »Dann haben wir wenigstens etwas gemeinsam. Also? Was sagst du?«
Sie legt eine Hand an meine Wange, streichelt mit dem Daumen über sie. Sie strahlt über das ganze Gesicht. »Dich Rate Hei Ich.
Ich stehe auf, schlinge meine Arme um sie, hebe sie hoch, was sie zum Juchzen bringt.
»Wenigstens sind wir auf die gleiche Art bekloppt.«
Sie lacht, bevor sie mich küsst und dann sagt: »Wenigstens das.«
Als ich sie wieder auf dem Boden abstelle, sage ich: »Ups, jetzt hab ich den Ring total vergessen.«
Ich schaue mich um, weil mir doch tatsächlich das Kästchen einfach aus den Händen gefallen ist, ohne dass ich es bemerkt habe. Gott sei Dank liegt der Ring noch in diesem. Ich bücke mich, um es aufzuheben, mache es dann auf und zeige ihr das Schmuckstück, das ich ausgesucht habe.
»Ich hoffe, er gefällt dir. Und wenn nicht, kann ich nur sagen: Du hast schon Ja gesagt.«
Sie lacht, hält mir ihre Hand hin. Langsam schiebe ich den Ring auf ihren Finger.
»Es ist wunderschön.«
»Du bist wunderschön.«
Und dann … Dann küsse ich sie. Die zukünftige Mrs. Quatschkopf.
